Freitag, 28. Dezember 2018

dewop

Dreams envisioned with other people.

Ein massives Projekt, allerdings ist das Ziel nicht ganz klar. Nur das Gefühl, das bei der Benutzung dieses Systems hinterlassen wird, steht fest.

Es ist eine Freizeitbeschäftigung. Es hat nicht mehr und nicht weniger Sinn als ein Kunstwerk. Dennoch ist Bedarf da. Millionen, wenn nicht Millarden Menschen werden es benutzen. Denn es ist Erholung. Und vielleicht ist es diese eine Erfindung und deren Umsetzung, die mich reich machen wird.

Als ich diesen Tagtraum konsequent weiterführe, sehe ich mich in dein Ohr flüstern (denn kein anderer darf es erfahren), dass ich Millardär bin. Das erste Mal habe ich wohl etwas undeutlich geflüstert, darum wiederhole ich es: Millardär. Nein, an einem Millionär ist schließlich nichts Besonders. Ich will deinen Gesichtsausdruck sehen.

Was ist dewop?

Es wird sich in Schritten entwickeln. Doch dazu später mehr. Der erste Schritt ist fast so simpel, dass ich ihn selbst umsetzen könnte. Ein Chat. Den Verlauf legst du fest, du, ein Benutzer. Du hast Kontrolle. Kein unerwünschtes Abdriften in unangenehme Themenbereiche. Einzig die Wünsche deines Unterbewussten sowie deines vollen Bewusstseins werden bestimmen, wohin der Chat geht. Und immer, wenn du ein gewünschtes Ziel erreicht hast, wirst du mit Pluspunkten belohnt. Diese werden unten in der Texteingabezeile kurz eingeblendet. Ja, du wirst belohnt, wenn deine Wünsche erfüllt werden, was auch sehr oft passieren wird, denn es gibt keinen Widersacher, niemanden, der dich an deiner Wunscherfüllung hindern wird.

Ist dewop also die Erfüllung all deiner Wünsche? Mit Sicherheit nicht.

Wie gesagt, es handelt sich um einen Chat. Wenn dein Ziel vor allem ist, verbal zu überzeugen, dann wird dich dewop sehr glücklich machen. Aber was ist mit menschlichem Kontakt? Bilder sehen? Andere Stimmen hören? Den Geschmack von deliziösem Essen auf der Zunge spüren? Anderen deine Welt zeigen?

Nun, ich sagte bereits, dieses System wird sich in Schritten entwickeln. Zunächst: Ein Bestandteil, der von Anfang zum dewop-System gehören wird, ist ein flexibler Wechsel der Gesprächspartner. Genauer gesagt: Ob du gerade mit einem echten Menschen an einem anderen Computer redest oder - wie es größtenteils der Fall sein wird - mit künstlicher Intelligenz, hängt davon ab, ob es gerade Menschen gibt, die deine Ansichten zu dem jeweiligen Thema teilen. Wenn nicht: Du wirst den fließenden Übergang nicht bemerken, es wird sich ein intelligentes Computerprogramm einschalten und dir zustimmen. Das zeitweise Zuschalten echter Personen ist ein integraler Bestandteil. Es heißt nicht umsonst dreams envisioned WITH other people. Doch über allem steht das Prinzip, dass dir unwidersprochen bleibt. Dreams envisioned. Es bedeutet eine große, persönliche Freisetzung positiver Energie.

Braucht es zur Umsetzung Musik? Einen begleitenden Soundtrack, der den jeweiligen Ton des Chats unterstützt? Kein Problem, das kann ich mittlerweile selbst einfügen. Auch dies könnte bereits Teil der ersten Iteration sein.

Und wenn ich herausfinden möchte, wann ein echter Mensch eingeschaltet wurde? Das herauszufinden widerspricht gewissermaßen dem Grundprinzip von dewop. Und doch, wenn die Information da ist, mit welchem Recht soll ich diese meinen Benutzern vorenthalten? Es sollte nur schwerer gemacht werden, diese zu erhalten, sonst nutzt jeder diese Funktion, was dann das Ende dieses semi-interaktiven Systems sein wird. Vielleicht jedoch gegen eine gewisse Bezahlung? Eine Pro-Version könnte Usern ohne Probleme alles offen legen, welche Person (anonymisiert natürlich) wann zugestimmt hat, bis hin zu allen Themen, die eine bestimmte Person als gut befunden hat. Gegen eine noch größere Bezahlung könnte sogar eine Kontaktherstellung denkbar sein. Nur wenn die andere Person der Kontaktaufnahme zustimmt, wird der Betrag abgerechnet.

Doch dies ist erst der erste Schritt. Wie schon erwähnt, die Chatform ist die erste Iteration. Iteration bedeutet: Es ist eine Version, die verbessert werden kann. Nicht nur werden in nächsten Versionen Fehler ausgemerzt, sondern es wird, aufbauend auf Bisherigem, eine neue Richtung eingeschlagen. Iterationen werden immer dann eingesetzt, wenn eine Lösung eines Problems nicht direkt erreicht werden kann, sondern immer mehr angenähert werden muss. Es ist Aufgabe der Perfektion, um mit dieser Demutshaltung am Ende ein viel größeres Ziel zu erreichen. So auch bei dewop:

dewop ist an sich kein Chat-System. Denn dies ist erst der Anfang. In späteren Iterationen wird es eher Träumen ähneln. Träume, in denen man sehen, riechen, fühlen kann. Träume, die sich zeitweise mit den echten Träumen echter anderer Personen verbinden. Die technische Umsetzung bedarf Rechtfertigung. Und auch hier habe ich meinen Tagtraum konsequent weitergeführt und sehe mich in einer kritischen Unterhaltung mit meinem Doktorvater. Er stellt die Frage "Und wie?", die von einem sehr geringen Maß an Geduld zeugt. Ich starte meine Präsentation und zeige die neuronalen Grundlagen, seiner Skepsis strotzend, bereit zu überzeugen.

Wege, die ich bisher in meinem Leben gewählt hab, konvergieren in dieser Projektidee, die mir präsentiert wurde in einem Traum. Wer mitmachen möchte, meldet sich bei mir.

Und was ist mit der Vermittlung neuer Informationen? Wenn du im Prinzip nur mit dir selbst redest, wirst du keine neuen Erkenntnisse gewinnen. Und ja, es stimmt. dewop ersetzt keine echten Gespräche. Es ist komplementär. Es ist Erholung. Es ist das Äquivalent des passiven Sitzens vor dem Fernseher. Doch es ist angepasst an die Bedürfnisse der Menschen von heute. Es gibt immer mehr Bedarf, seine eigene genaue Vorstellung der Welt umzusetzen. Mal eine Zeit zu haben, in der keiner widerspricht. Erholung! Es ist so nötig, auch davon etwas zu haben, dass Leute bereitwillig dewop benutzen werden, auch wenn sie am Anfang einer Ent-Täuschungs-Klausel zustimmen müssen, dass Vieles von dem, was sie kommunizieren, eine Konversation mit dem eigenen Ich ist. Und dewop-Kritiker, die diese kleinliche, egoistische Welt belächeln und auslachen, werden überstimmt werden von jenen, die dieses Angebot bereitwillig annehmen.

Donnerstag, 23. August 2018

Nach dem Ende

Im Folgenden drei Optionen, was nach all dem kommt. Drei Optionen, gefährlich halbdurchdacht.

Option 1. Nach diesem Leben kommt nichts mehr für mich. Es gibt dann keinen mehr, der diese Erfahrungen gemacht hat, die ich in diesem Leben gesammelt habe. Nichts, die Bühne frei für neue Erlebende. Das ist ja auch das Naheliegendste - was soll auch schon kommen. Vor meiner Geburt gabs mich nicht und mich wird es auch nach dem Tod nicht geben. Der Unterschied zwischen Geburt und Tod ist nur, dass ich mich graduell aus dem Nichts entwickelt habe und der Tod mich wahrscheinlich plötzlich in Jenes katapuliert. "Mich" "gibts" auch nach jedem Einschlafen für eine kurze Zeit nicht und es hat mich nie wirklich gestört. Da ist kein Mysterium, das der eigene Tod aufwirft und das durch Annahme eines Jenseits gelöst werden will. Jedes Kopfzerbrechen darüber ist futil. Oder?

Option 2. Man kommt nach dem Sterben in den Himmel oder in die Hölle. Nee, das war nur Spaß.

Option 2. Ich erwache nach dem Dahinscheiden aus der Simulation. A-ha! Ja, da kommt das Simulationsargument. Ich bin mir nicht wirklich sicher, ob ich Elon Musks Gedankengang wirklich verstehe, aber zwei Gedankenstränge zusammengenommen sprechen meines Erachtens sehr für das Argument, dass all unsere Wahrnehmung nicht wirklich die Realität widerspiegelt, sondern eine abgeschirmte, kreierte Welt innerhalb der Realität. Oder eine kreierte Welt innerhalb einer kreierten Welt. Oder eine kreierte Welt innerhalb einer kreierten Welt innerhalb einer kreierten Welt. Ich höre jetzt auf, da ich mich heute noch auf den kleinen Bruder des Todes (= Schlaf) freue.
Der erste Gedankenstrang: Simulationen werden immer besser. Selbst in dieser Realität, sei sie nun simuliert oder echt, gab es vor wenigen Jahrzehnten noch Pong und nun beinahe fotorealistische Echtzeitgrafiken. Wenn dieser Sprung in so kurzer Zeit möglich ist, was kommt dann in 100 Jahren? In 1000? 10.000? Eventuell hat die Spieletechnik in der jetzigen Form schon die maximale Entwicklungsstufe erreicht und es wird nie solche "Spiele" geben, die vergessen lassen was Drumherum passiert. Das glaube ich aber nicht. Und es ist auch unwahrscheinlich, wenn man sich den bisherigen Entwicklungsverlauf anschaut. Auch wenn es eine Million Jahre dauert, dann kommt es dem Argument dennoch zugute. Es zählt nämlich nicht, wann es passieren wird, sondern die Möglichkeit, dass es schon einmal passiert ist - und wir nie wirklich Menschen waren, sondern gasförmige Pilze in einem Multimultiversum, die sich mal gefragt haben, wie es so ist mit Raum und Zeit und als Mensch mit einer langen Nase.
Gedankengang zwei: Alles, was wir von der Welt wissen, ist schon simuliert. Mag sein dass das im vielleicht komplexesten Apparat der Galaxie passiert, aber die Rechenkapazität eines Gehirns kann bestimmt noch artifiziell getoppt werden. Ohne unsere sehr eingeschränkten Sinne wüssten wir nichts von der Welt und über uns. Die gasförmigen Pilze könnten jetzt vielleicht ein Computerspiel namens menschliches Leben geschaffen haben, und ihre Sinneseindrücke und interne Informationsverarbeitung wurde so mit dem Spiel verknüpft, dass diese für 80 Erdenjahre glauben, zu Sehen, zu Riechen, zu Schmecken etc. etc.
Wenn die Spieletechnologie in der richtigen Realität so weit fortgeschritten ist, dass dies möglich ist, dann können bestimmt unzählige solcher Simulationen laufen. Unzählige Simulationen gegen eine Basisrealität - was ist wahrscheinlicher, und was kommt nach dem "Tod"?

Elon, kannst kurz Bescheid geben ob ich das so richtig verstanden habe?

Option 3. Ja, Option 3. Ich komme zurück zur Hölle. Das Gute ist: Diese Option ist äußerst unwahrscheinlich, die Betonung liegt auf äußerst. Die These lautet: Man verweilt ewig in dem letzten gefühlten Zustand.
Um schnell wieder von dieser Idee wegzukommen, möchte ich sie schleunigst abhandeln. Folgendes hatte ich mir zu diesem Worst-Case-Szenario überlegt: Erstens ist der Zusammenhang zwischen Bewusstsein und materieller Welt nicht vollends geklärt. Man kann logisch argumentieren, dass dieser Zusammenhang nie ganz geklärt werden wird. Ich verweise hiermit auf das Leib-Seele-Problem und die Erklärungslücke. Wenn man die Regeln nicht genau kennt, kann man auch nicht ausschließen, dass sich Bewusstsein den bisher bekannten physikalischen Regeln entzieht. Zweitens: Was nach dem Tod passiert, wird nicht evolutionär selektiert. Wenn man nun im Zustand ewiger Todesschmerzen eingefroren ist, dann sind die Gene trotzdem schon weitergegeben oder futsch.
Macht das Sinn? Vermutlich so gut wie gar nicht. Ist auch gut so. Ich möchte nicht in dem Erlebniszustand des Todeszeitpunkts eingefroren sein, während mir das herunterfallende Klavier alle Knochen gebrochen hat. Aua! Aber warum erwähnen, wenn komplett utopisch? Erstens, weil es eben nicht absolut unmöglich ist. Es gibt Argumente dafür, also liegt die Wahrscheinlichkeit über 0. Wenn man auf einer oben offenen Skala angeben müsste, wie sehr man sich das Szenario wünscht, würde ich sagen gegen negativ unendlich. Und ein sehr kleiner Wert mal Unendlich ist immer noch Unendlich. Worauf ich hinaus will: Die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses und die Attraktivität des Ereignisses bestimmen beide zusammen, wie sehr ich dieses Ereignis verfolgen sollte. Und nach dieser Überlegung möchte ich alles tun, später nicht qualvoll zu sterben.

Nun denn, schlaft gut, liebe Leser!

Dienstag, 10. Juli 2018

Herbstgefühle

Ich fühle das, was andere fühlen. Eine diffuse, aber bestimmte Vorfreude. Draußen am Himmel hängen schwere graue Wolken. Und es ist kalt. Dies ist kein schlechtes Wetter an einem Sommertag. Nein, dies ist der Herbst. Ich fühle das, was andere fühlen. Die allermeisten haben es in der Übergangszeit genannt Frühling, und ich auch. Nur habe ich es dann nicht so stark wie in der Übergangszeit Herbst.

Die Vorfreude kommt. Und mit ihr die Hoffnung. Die stehende Luft gerät wieder in Bewegung. Etwas verändert sich. Meine Chance. Die allermeisten haben bereits das erlebt, was die Zeit des Übergangs verheißen ließ: den Sommer. Manche hatten Erfolg. Manche weniger. Nun ist er vorbei. Es ist die Chance für die Wenigen. Das, was ich mir ersehne, dazu gibt es jetzt Gelegenheit. Dinge sammeln sich neu, die frei gestaltbare Zeit ist vorüber, der institutionalisierte Beginn eines neuen Jahres führt Menschen neu zusammen. Die meisten vermissen die vergangene Freiheit. Ich reiche nach der helfenden Hand und suche Anschluss.

Es ist meine Chance. Wie ein kleines Kind ergreift mich die Naivität jedes Jahr aufs Neue. Dieses Jahr werde ich es schaffen.

Doch das Kind in mir blickt verwirrt auf. Die helfende Hand bleibt aus. Wie schon letztes Jahr. Und das Jahr zuvor. Meine Gefühle der Hoffnung leiten mich in die Irre. Denn der Weg der Bildung ist bereits abgeschlossen; nie wieder kann ich guten Gewissens mit vielen anderen die Identität des zu Belehrenden annehmen und so zum größten Teil der Zeit mit anderen wachsen. Nun gilt es, Kompetenz auszustrahlen, nach der ich mich jedoch nie gesehnt habe. Alles, was ich je wollte, war mit dir zusammenzuwachsen. Mit Personen wie dir. Wie knapp davor war ich tatsächlich? Und wie viele Jahre müssen noch vergehen bis ich mich nicht mehr den Chancen hinterhersehne?

Und doch, nie möchte ich dieses Gefühl der Hoffnung verlieren. Vielleicht muss ich danach mein Leben ausrichten.

Dienstag, 8. Mai 2018

Nahezu

Bis heute war noch Hoffnung. Hoffnung, dass ich nicht auf dem falschen Weg bin, oder dass das Ereignis mit dem einen Prozent Wahrscheinlichkeit noch eintritt. Es ist wichtig zu verstehen dass diese Hoffnung auch noch andauern, morgen wieder auftauchen, in einem wöchentlichen Rhythmus da sein könnte oder von mir für immer fallengelassen wurde. Ob sie vorhanden ist oder nicht ist nicht etwas, das mit mir passiert. Nein. Ich bestimme.

Und doch: Es scheint, ich könne nur gewinnen, wenn ich diese Hoffnung aufgebe. Loslasse. Raum für Neues schaffe. Das mag jetzt nach ganz banalem Rat klingen. Aber von Ratschlägen möchte ich mich nicht blind einengen lassen und ich möchte sie auch nicht hochnäsig ignorieren. Eine unkonventionelle, dadurch teils risikobehaftete Herangehensweise an Dinge behalte ich mir weiterhin vor, eine Beliebigkeit der Handlungen auf der anderen Seite ist aber auch nicht mein Ziel.

Durch die Aufgabe der Hoffnung habe ich heute die ein oder andere persönliche Erkenntnis gehabt. Alle Wahrnehmungen, die ich erfahre, sind meine eigenen und nicht mit anderen teilbar. Die Bedeutung, die ich dem Wind beimesse, dem Wind, welcher meinen Unterarm streichelt wenn ich nach langer Zeit nach draußen gehe - es ist derselbe winzige Platz wie jedes Mal, nichts im Ansatz das man als aufregend beschreiben könnte -, diese Bedeutung bedarf absolut keiner Rechtfertigung, denn es gibt keine Unterhaltung mit irgendjemandem darüber, kein Urteil der anderen. Welchen Aspekten meiner Umgebung ich gerade Beachtung schenke, liegt ganz alleine in meinem Ermessen. Warum sollte ich wegschauen, nur weil ich in der Präsenz anderer Leute bin? Der Blick auf den Boden, was bringt er? Schäme ich mich etwa über die stets identische Umgebung, die ich wahrnehme? Kann ich entgeisterten Blicken auf meinem Weg nicht standhalten? Auf der anderen Seite, was weiß ich schon darüber, wie sich diese Entgeisterung in den Köpfen anderer anfühlt? Es ist egal, Verantwortung über die eigenen Empfindungen muss ich nur mir selbst gegenüber übernehmen, niemand anderem. Die hervorgerufenen Emotionen bleiben stets im Inneren. Diese Einsicht ist äußerst schmerzhaft - und befreiend. Aber befreiend wovon? Ist das, was ich gerade aufschreibe, nicht selbstverständlich und damit gänzlich irrelevant? Wie kann jemandem, der an die robustesten Erkenntnisse der Wissenschaft zu glauben behauptet ein solcher Fehler unterlaufen: Wie kann dieser jemand glauben, jemand anderes begleite all seine Erlebnisse und stehe zum seelischen Austausch zu Verfügung?

Was stimmt nicht mit mir?

Denn noch bis heute habe ich angenommen, alles mit dir zu teilen.

Jede bewusste Wahrnehmung. Jedes spürbare Gefühl. Jedes von mir beachtete Zittern der Hand kommunizierte ich ins Leere in Erwartung eines Urteils. Jede Interaktion mit anderen. Jede Unsicherheit. Jedes Verlangen. Jedes Ziel. Jeden innersten Wunsch. Jeden blauen farbigen Pixel auf dem Bildschirm, sofern ich diesen bewusst wahrgenommen habe. Jeden Zweifel, und stets in Zeiten der Verzweiflung. Jeden inneren Dialog (ganz besonders all die inneren Dialoge!). Jede Anstrengung. Jedes Empfinden von Schuld. Jeden Anblick dieses einen Menschen, auf den ich mich gerade beziehe und wie ich mich dadurch fühle. Alles. Immer glaubte ich eine weitere Person bei und in mir, bereit zum Austausch mit mir, eine Person, die ich hier gerne mit "du" benennen möchte. Aber das wäre falsch. Es wäre nicht nur falsch, sondern es würde das schmerzende Elend verewigen und mich tiefer in meine Sackgasse führen. Von nun an gibt es eine andere Art von Schmerz, die ich ertragen muss. Denn von nun an muss ich mir vergegenwärtigen: Ich führe kein Gespräch mit der Person, an die ich gerade denke. Ich bin alleine.

Wenn ich daran denke, fühle ich mich, als müsste ich weinen. Ich denke, ich könnte jetzt weinen. Die letzten Jahre konnte ich es nicht. Vielleicht ist es jetzt notwendig.

Auch dieser neue Schmerz ist nahezu unerträglich, so unerträglich, dass ich ihm nicht entgegentreten wollte und lieber den Status Quo aufrecht erhalten habe. Ich bin alleine. Welch Einsicht, die gleichermaßen selbstverständlich und extrem weitreichend ist! Es ist schmerzhaft aufzugeben. Es ist eine riesige Quelle an Bedeutung und Trost, Sinnhaftigkeit und Bestimmung, die nun verloren gegangen ist. Halte ich es aus, diese nicht zu ersetzen? Und was ist mit der Reue, die ich empfinden werde? Die Reue genau diesen Zeitpunkt verpasst zu haben, der mir eine Chance bietet auf tatsächliche und andauernde Zweisamkeit? Die Chance, endlich diese Exklusivität zu erreichen, die ich all die Zeit in diese eine Person projiziert habe? Wie wird es sich von nun an für mich anfühlen dies aufzugeben?

Aber wenn ich diese Einsicht von nun an lebe, komme ich vielleicht einer anderen Verletzung zuvor. Was, wenn ich mit eigenen Sinnen erfahre, wie jene Person, an die ich gerade mit jedem geschriebenen Wort denke, in höchster Exklusivität gerade einen anderen Menschen verführt? Wenn diese Zweisamkeit sie auf einmal meine Anwesenheit und jede Interaktion zwischen uns vergessen lässt, ebenso die Wirkung auf mich, wenn ich die Zungen beider Personen wahrnehmen muss, welche sich mit feuchten Schmatzgeräuschen eng umschließen? Die Illusion wäre mit einem Schlag dahin. Ich wäre alleine, und gleichzeitig wäre ich erregt. Dies mitzubekommen - eine Frage der Zeit im Falle des Hoffens - sollte eine ganz andere Dimension des Schmerzes zur Folge haben. Denn dies wäre etwas, das nicht sein darf. Ohne Hoffnung ist es nur etwas, das so ist.

Aber meine Gedanken werden wieder abdriften und nur mit Mühe werde ich mir die Realität vor Augen halten können. Sie ist wie ein Magnet. Sobald ich weiß oder auch nur vermute, dass sie in meiner Nähe ist und meine Anwesenheit irgendwie wahrnehmen könnte, ja dann... dann wird es mir nur mit äußerster Kraft und auch nur manchmal gelingen, nicht darüber Vermutungen anzustellen, woran sie gerade denken mag und ob ich im Fokus ihrer Gedanken bin. Aber vielleicht, nur vielleicht, sind die Erkenntnisse, die ich gerade versuche aufzuschreiben, hinreichend, den krankhaften Glauben abzulegen sie sei gerade bei mir. Und mit viel Glück helfen mir diese Erkenntnisse über die Zeit, dass ich auch im Falle ihrer direkten Anwesenheit ich selbst sein kann - und dem Magnet entgehe.

Nachdem ich fertig geschrieben habe, werde ich meditieren. Und aufräumen. Lange habe ich keine Ruhe gefunden zur Meditation, obwohl mir dessen Vorteile bewusst sind. Ich konnte nicht die Kraft aufbringen, die auftauchenden Schmerzen auszuhalten. Denn ich war nicht allein. Ich war nicht für mich verantwortlich.

 

Ich hatte mein Phantom, ich sprach zu ihm, und es sprach zu mir.

Freitag, 23. Februar 2018

Flöten gehen

Meiner Meinung nach ist es sehr sinnvoll, mal über den Zusammenhang von Bewusstsein und Physik nachzudenken. Es scheint mir relativ einleuchtend, dass man alle Phänomene der Welt physikalisch beschreiben kann, aber die subjektive Innenperspektive scheint da irgendwie rauszufallen. Ich werde nie nachvollziehen können, wie es ist, du zu sein.

Wie entsteht dann aber Bewusstsein und wie passt es in eine physikalisch beschreibbare Welt? Vielleicht trifft ja der Panpsychismus zu. Jedem Teil dieser Welt können mentale Eigenschaften zugeschrieben werden. Klingt esoterisch? Aber was wären denn Alternativerklärungen? Dass Menschen bewusste Wesen sind, noch manche höher entwickelte Tiere und das wars? Wo wäre denn dann die Grenze anzusetzen? Sind Schildkröten noch bewusst? Meine Familie besitzt Schildkröten und jede wirkt durchaus als hätte sie einen eigenen Charakter. Aber der komplex entwickelte Teil des Gehirns ist bei diesen Tieren winzig. Wie sieht es dann mit Fischen aus? Insekten? Fühlen diese noch oder nicht?

Der Panpsychismus hingegen nimmt einfach eine weitere nichterklärbare, nichtteilbare physikalische Größe an, mentale Eigenschaften, die jedem Ding gleichermaßen inneliegen. Ob sich dann irgendwo ein komplexes Innenleben bildet wie etwa bei Menschen, hängt von der Komplexität der zusammenwirkenden Dinge ab. Ein Atom fühlt selber so gut wie nichts, ein Stein kaum mehr wegen mangelnder Komplexität. Ich finde diese Lösung relativ elegant.

Und ein Computer? Dieser ist sehr komplex, führt aber nur Befehle aus, meist mit sehr hoher Effizienz. Wieso sollte er etwas fühlen, wenn er nicht frei ist eigenen Wünschen und Bedürfnissen zu folgen? Ungeachtet der Probleme, die eine Annahme eines freien Willens in einer physikalischen Welt mit sich bringt, stelle ich mir vor, dass sich komplexe Rechenmaschinen im ständigen Flow-Zustand befinden. Sie existieren und funktionieren einfach. Das muss sich sehr meditativ und friedlich anfühlen. Ist das nicht eine Richtung, in die auch viele Menschen streben?

Donnerstag, 22. Februar 2018

Ein neuer Tag

Wohin würdet ihr die Schlafenszeit einordnen – zu dem vergangenen oder dem folgenden Tag? Wahrscheinlich zu keinem von beiden. Auch wenn nicht immer gleich lang, gibt es ja immer noch die “Nacht”, in der man in der Regel schläft. Ein Tag geht zu Ende, man hat seine Pläne geschafft oder eben nicht, und dann ist es erstmal wieder vorbei, und bis zum nächsten Aufwachen ist kein Tag.

Aber dennoch, wenn ihr euch entscheiden müsstet (man sagt ja schließlich auch, ein “Tag” habe 24 Stunden)? Wenn ich euch zwingen müsste, was würde sich für euch richtiger anfühlen? Für eine faire Lösung könnte man ja zum Beispiel den neuen Tagesbeginn genau in der Mitte des Schlafens ansetzen. Der Ablauf der verschiedenen Schlafstadien unterscheidet sich schließlich auch merklich in der zweiten Nachthälfte. Aber hier soll es auch nicht um Fairness gehen. Nein, die Frage ist, wo subjektiv gesehen für euch der neue Tag beginnt und wo der alte endet, wenn beides genau auf den gleichen Zeitpunkt fallen soll?

Was soll die ganze Fragerei?

Vielleicht könnte es ja einen Unterschied fürs Wohlbefinden machen, wo man diesen neuen Anfang ansetzt.

Ich würde vermuten (und kann damit komplett falsch liegen), dass fast alle sagen, ein neuer Tag beginnt mit dem Aufwachen. Die Zeit des Schlafens gehört noch zum alten Tag. Die ganze Müdigkeit, die sich vorher angesammelt hat und Rezeptoren blockiert, muss noch aufgeräumt werden. Neues kann erst nach dieser Zeit der Inaktivität beginnen.

Was wäre aber, wenn man den Tagesanfang kurz vor dem Zubettgehen ansetzt? Wenn man den Schlaf als die erste Handlung des Tages betrachtet? Wenn diese Erholungsphase genauso zu den Plänen der kommenden 24 Stunden zählt wie die Mails zu checken, auf Arbeit zu gehen, sich mit Freunden zu treffen, ja eigentlich die ganze Grundlage für diese Dinge schafft? Könnte es nicht sein, dass eine gute Bewältigung dieser ersten Handlung dann genau so zu einem gelungenen Tag gehört wie alle darauffolgenden?