Dienstag, 30. August 2016

Dankbarkeit

Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll. Es scheint, als hätte ich meine Zeit gehabt. Jetzt geht es langsam zu Ende mit mir. Ich wünschte, es wäre mehr drin gewesen. Ich wünschte, dass sich einmal die Umstände so gerichtet hätten, dass etwas höchst Unwahrscheinliches passiert, was meine tiefsten Sehnsüchte erfüllt. Leider bin ich jetzt zu sehr in der Abwärtsspirale gefangen und das seit Jahren. Ich sehe keine Möglichkeit, wie mir in diesem Zustand je etwas Wundervolles widerfahren könnte. Ich erinnere mich, dass es auch davor Probleme mit mir gab, doch sie fühlten sich anders an. Was sich dazwischen aufgebaut hat und Hoffnung verheißen ließ, war vielleicht nie mehr als eine immer größer werdende Blase.

Ich kreise abwärts und stets sinken damit auch meine Fertigkeiten. Doch ich verliere auch meine Fähigkeiten. Wenn ich etwas versuche, um wieder herauszukommen, dann sind diese Versuche so ineffizient, dass sie nichts an der Abwärtsbewegung ändern. Nein, ich schaffe es nicht mehr von alleine. Man könnte sagen, ich fahre in seltsamen, leeren Zügen durch das Niemandsland und halte ab und zu auf noch seltsameren Bahnhöfen. Um mich irgendjemandem je wieder öffnen zu können, müsste diese Person mich auf einem dieser verlassenen Stationen abholen. Jemand müsste das Gleiche empfinden während er sich an so einem Ort aufhält und gleichzeitig stark genug sein, mich wieder mitzunehmen. Nur dann bestünde Hoffnung. Aber ich habe keine Ahnung, wie ich beschreiben könnte, wie man diesen Bahnhof finden kann...

Doch ich glaube, niemand wird mich abholen wollen. Meine Missgunst hat schon zu viele vergrault. Ich empfinde Neid auf jene, die ich einst als beste Freunde bezeichnete - und wieder haben möchte. Ich vergleiche und ersticke im Anblick meines kleinen Lebens mit meinen schrumpfenden Fähigkeiten, die der Vergleich aufzeigt. Und dann verlässt mich jegliche Kraft, etwas Neues anzufangen. Dieser Zug ist bereits abgefahren. Ich bin neidisch auf mein Umfeld, dass sie Faszination an Dingen haben, Ziele verfolgen. Und ich kann das nicht. Aber ich war einst da. Das war meine Blase.

Ich bin dankbar. All der Neid kann meine Dankbarkeit nicht überlagern, die ich empfinde, weil ich eine wunderbare Zeit mit euch hatte. Ich wurde ohne Nachfrage aufgenommen und man hat mir gezeigt, was Hoffnung ist. Wir haben gemeinsam die Blase nicht nur vergrößert, sondern auch stabilisiert. Am Ende habe ich es nicht geschafft, aber diese Menschen vertrauten mir. Meine unwahrscheinlichen Träume konnte ich mit euch teilen. Jetzt bin ich nicht mehr genau so gerne gesehen, aber der Kontakt ist nicht abgebrochen. Mein Herz fühlt sich warm an, wenn ich daran denke.

Vielen, vielen Dank.

"Und so reiste er immer weiter anstatt zu verweilen und dazuzulernen. Stets war er auf der Suche nach noch ferneren Gegenden, noch seltsameren Zügen. Diese, so hoffte er, würden ihm mehr Anerkennung bringen. Genährt von langsam aufkeimendem Neid betrat er Tür um Tür und trat in zunehmend verlassenere Abteile. So kam es schließlich wie es kommen und musste und irgendwann verlor er sich dann. Er wusste nicht mehr, wo er war. Und dies ist ganz offenbar ein Problem, denn sein Ziel waren gewiss nicht die viel seltsameren Bahnhöfe, die er nur kurz betrat; doch er, seine Hoffnungsblase noch klar vor seinem inneren Auge, tat nichts zur Lösung dieses schwierigen Problems, sondern legte eine gefährliche Form des Semi-Optimismus an, welcher das Problem verschlimmerte und perpetuierte. Mit einem Fuß noch auf den Gleisen, dem anderen in der Sicherheit des Zugabteils, wurde er schließlich zermahlen."

Montag, 29. August 2016

Der Fehler

Ich sitze grade schon wieder an einer Unter- bzw. Entscheidung, die für mich schwer zu treffen ist. Sie bezieht sich auf die Strategie bei Problemen im Leben, nämlich diese zu ignorieren oder anzugehen. Wahrscheinlich kommt es auch auf das Problem an.

Konkretes und für mich gängiges Beispiel: unglückliche Verliebtheit. Ich habe viele sagen hören, dass diese mit der Zeit von alleine verschwindet und je mehr man sich mit der Person beschäftigt, desto länger dauert es. Auf der anderen Seite möchte ich aber auch hier instinktiv das Problem angehen. Wieso ist diese Infatuation zustande gekommen, wie kann ich möglichst schnell und vollständig von dieser kognitiven Verstimmung loskommen, warum kann es mit dieser Person nicht funktionieren, wie kann ich so etwas in Zukunft vermeiden? Antworten auf all diese Fragen wären sicherlich erstrebenswert, erfordern aber Reflexion. Stattdessen wird empfohlen, sich abzulenken. Aber was unterscheidet dieses Problem von anderen, die man angehen sollte?

Ein anderer Anwendungsfall, der für mich gerade womöglich relevant ist: Mir kam es in den letzten Jahren vor, als würde ich in der Vergangenheit leben und nicht im Hier und Jetzt präsent sein. Diese Vergangenheit, in der ich lebte, lag teilweise schon Jahre zurück. In der Folge gelang es mir nicht wirklich, meinem episodischen Gedächtnis neue, wertvolle Erfahrungen einzuprägen. Wie soll aber irgendjemand aus so einem Sog wieder herauskommen? Indiziert wären wahrscheinlich Achtsamkeitstechniken, die dabei helfen, das Hier und Jetzt wieder schätzen zu lernen. Aber dennoch habe ich mich immer wieder auf Vergangenes zurückgeworfen gefühlt, hab es halb versucht zu unterdrücken und halb habe ich mich dem hingegeben; bis ich heute mal einen Haufen alter Nachrichten gelesen habe von der Person an der ich gerade hänge und einen möglichen Fehler von mir entdeckt habe, den ich damals begangen habe, und der wahrscheinlich Ursache für diesen Zustand war. Zugegebenermaßen, mit dem Wissen allein kann ich diesen Zustand noch nicht verbessern, denn die Persönlichkeitseigenschaften, die damals zu dem Fehler führten, sind immer noch bei mir da. Dennoch: Wenn man eine solche Erkenntnis als Erfolgserlebnis sehen kann, in welchem Fall sollte man dann überhaupt Probleme ignorieren? Wenn man an Vergangenem hängt, gibt es womöglich irgendwo im Untergrund ein Problem, das wirklich gelöst werden muss!