Sonntag, 13. November 2016

Tenside

Wir befinden uns in den Zehnern. Menschen halten einander an Leinen, lassen jemanden zappeln und werden zugleich von anderen kontrolliert. Dies klingt nach einem nicht sonderlich erstrebenswerten Umstand, jedoch ist anzumerken, dass eine gewisse Balance und daher auch Stabilität besteht, denn fast jeder nimmt die gleichen zwei Rollen ein. Solange sich diese Menschenkette nur in eine Richtung mit steigenderndem Begehrenswert anordnen lässt, finden wir jedoch auch eine Disbalance, hervorgerufen durch die Personen an den beiden Enden: Die eine wird nicht begehrt und fühlt sich vielleicht nutzlos, wohingegen die andere von den Wünschen anderer wahrscheinlich höchst irritiert und genervt ist. Für das Folgende gibt es nicht viele Hinweise; dennoch bleibt zu hoffen, dass sich Attraktivität nicht nur durch Ordinalität kennzeichnet, sondern diese Kette sich irgendwann selbst schließt - ja, vielleicht, dass es ein Ordnungsprinzip gibt, nach dem die vorderste die letzte Person begehrt, gleichsam Tensiden, die eine zirkuläre Struktur bilden.

Montag, 3. Oktober 2016

Ein Gedanke

Ich bin wieder einmal auf der Suche nach einem Gedanken. Das ist der Grund, weshalb ich erneut so viel Zeit mit Nachdenken verbringe. Und da es nicht reicht, einen Gedanken zu finden, der bisher Gedachtes konsequent weiter führt, muss mein Denken zum großen Teil frei sein von Systematik. Ja, dies ist eine Rechtfertigung für mein Grübeln.

Negative und schmerzhafte Überlegungen treten in Vielzahl und von alleine auf. Die Annahme dieser führt immer in eine überlastende Endlosschleife oder zu schmerzhaften und nicht richtigen Enden. Wie gut wäre es, wenn es den einen Gedanken gäbe, der diese falschen Muster auflöst. Ein Gedanke, zu dem ich zurückkommen kann, wenn die anderen Hoffnungslosigkeit suggerieren und der mir zumindest in der jetzigen Situation, bei diesem Problem hilft, Motivation zum Weitermachen zu finden - wenn ich ihn denke. Etwas nichtreligiöses, das nicht die Annahme einer übernatürlichen Größe verlangt, aber auch keine gewagten und unbestätigten Konstrukte, sondern etwas, das zu meinem Leben passt.

Ich möchte nicht das Problem aussitzen, indem ich willkürlich aktiv bin und irgendwelche Sachen tue. Ich möchte nicht - nicht mehr - zum Ziel haben, zufällige intensive Emotionen zu amplifizieren mit dem Ziel, dem Leben mit einer seltsamen Form des Hedonismus eine Bedeutung zu geben. Ich will etwas tun, bloß nicht irgendetwas, nur um aktiv zu sein. Ich möchte nicht mehr, dass sich die Zufälligkeit in meinem Denken festsetzt und das Leben aus mir herauslangweilt. Ich möchte nicht mehr, dass ich einen Wunsch loslasse, nur weil es Komplikationen auf dem Weg zu dessen Erfüllung gibt - um auf diesem Wege eine falsche Win-Situation zu kreieren, deren Schulden später mit Reue und Kummer zurückzubezahlen sind.

Mir ist bewusst: Um etwas zu verbessern, muss ich handeln. Um zu handeln muss ich motiviert sein.
Es hat schon in der Vergangenheit oft funktioniert. Ich möchte einen Gedanken.

Daher werde ich jetzt weiter nachdenken. Und ziellos grübeln.

Dienstag, 30. August 2016

Dankbarkeit

Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll. Es scheint, als hätte ich meine Zeit gehabt. Jetzt geht es langsam zu Ende mit mir. Ich wünschte, es wäre mehr drin gewesen. Ich wünschte, dass sich einmal die Umstände so gerichtet hätten, dass etwas höchst Unwahrscheinliches passiert, was meine tiefsten Sehnsüchte erfüllt. Leider bin ich jetzt zu sehr in der Abwärtsspirale gefangen und das seit Jahren. Ich sehe keine Möglichkeit, wie mir in diesem Zustand je etwas Wundervolles widerfahren könnte. Ich erinnere mich, dass es auch davor Probleme mit mir gab, doch sie fühlten sich anders an. Was sich dazwischen aufgebaut hat und Hoffnung verheißen ließ, war vielleicht nie mehr als eine immer größer werdende Blase.

Ich kreise abwärts und stets sinken damit auch meine Fertigkeiten. Doch ich verliere auch meine Fähigkeiten. Wenn ich etwas versuche, um wieder herauszukommen, dann sind diese Versuche so ineffizient, dass sie nichts an der Abwärtsbewegung ändern. Nein, ich schaffe es nicht mehr von alleine. Man könnte sagen, ich fahre in seltsamen, leeren Zügen durch das Niemandsland und halte ab und zu auf noch seltsameren Bahnhöfen. Um mich irgendjemandem je wieder öffnen zu können, müsste diese Person mich auf einem dieser verlassenen Stationen abholen. Jemand müsste das Gleiche empfinden während er sich an so einem Ort aufhält und gleichzeitig stark genug sein, mich wieder mitzunehmen. Nur dann bestünde Hoffnung. Aber ich habe keine Ahnung, wie ich beschreiben könnte, wie man diesen Bahnhof finden kann...

Doch ich glaube, niemand wird mich abholen wollen. Meine Missgunst hat schon zu viele vergrault. Ich empfinde Neid auf jene, die ich einst als beste Freunde bezeichnete - und wieder haben möchte. Ich vergleiche und ersticke im Anblick meines kleinen Lebens mit meinen schrumpfenden Fähigkeiten, die der Vergleich aufzeigt. Und dann verlässt mich jegliche Kraft, etwas Neues anzufangen. Dieser Zug ist bereits abgefahren. Ich bin neidisch auf mein Umfeld, dass sie Faszination an Dingen haben, Ziele verfolgen. Und ich kann das nicht. Aber ich war einst da. Das war meine Blase.

Ich bin dankbar. All der Neid kann meine Dankbarkeit nicht überlagern, die ich empfinde, weil ich eine wunderbare Zeit mit euch hatte. Ich wurde ohne Nachfrage aufgenommen und man hat mir gezeigt, was Hoffnung ist. Wir haben gemeinsam die Blase nicht nur vergrößert, sondern auch stabilisiert. Am Ende habe ich es nicht geschafft, aber diese Menschen vertrauten mir. Meine unwahrscheinlichen Träume konnte ich mit euch teilen. Jetzt bin ich nicht mehr genau so gerne gesehen, aber der Kontakt ist nicht abgebrochen. Mein Herz fühlt sich warm an, wenn ich daran denke.

Vielen, vielen Dank.

"Und so reiste er immer weiter anstatt zu verweilen und dazuzulernen. Stets war er auf der Suche nach noch ferneren Gegenden, noch seltsameren Zügen. Diese, so hoffte er, würden ihm mehr Anerkennung bringen. Genährt von langsam aufkeimendem Neid betrat er Tür um Tür und trat in zunehmend verlassenere Abteile. So kam es schließlich wie es kommen und musste und irgendwann verlor er sich dann. Er wusste nicht mehr, wo er war. Und dies ist ganz offenbar ein Problem, denn sein Ziel waren gewiss nicht die viel seltsameren Bahnhöfe, die er nur kurz betrat; doch er, seine Hoffnungsblase noch klar vor seinem inneren Auge, tat nichts zur Lösung dieses schwierigen Problems, sondern legte eine gefährliche Form des Semi-Optimismus an, welcher das Problem verschlimmerte und perpetuierte. Mit einem Fuß noch auf den Gleisen, dem anderen in der Sicherheit des Zugabteils, wurde er schließlich zermahlen."

Montag, 29. August 2016

Der Fehler

Ich sitze grade schon wieder an einer Unter- bzw. Entscheidung, die für mich schwer zu treffen ist. Sie bezieht sich auf die Strategie bei Problemen im Leben, nämlich diese zu ignorieren oder anzugehen. Wahrscheinlich kommt es auch auf das Problem an.

Konkretes und für mich gängiges Beispiel: unglückliche Verliebtheit. Ich habe viele sagen hören, dass diese mit der Zeit von alleine verschwindet und je mehr man sich mit der Person beschäftigt, desto länger dauert es. Auf der anderen Seite möchte ich aber auch hier instinktiv das Problem angehen. Wieso ist diese Infatuation zustande gekommen, wie kann ich möglichst schnell und vollständig von dieser kognitiven Verstimmung loskommen, warum kann es mit dieser Person nicht funktionieren, wie kann ich so etwas in Zukunft vermeiden? Antworten auf all diese Fragen wären sicherlich erstrebenswert, erfordern aber Reflexion. Stattdessen wird empfohlen, sich abzulenken. Aber was unterscheidet dieses Problem von anderen, die man angehen sollte?

Ein anderer Anwendungsfall, der für mich gerade womöglich relevant ist: Mir kam es in den letzten Jahren vor, als würde ich in der Vergangenheit leben und nicht im Hier und Jetzt präsent sein. Diese Vergangenheit, in der ich lebte, lag teilweise schon Jahre zurück. In der Folge gelang es mir nicht wirklich, meinem episodischen Gedächtnis neue, wertvolle Erfahrungen einzuprägen. Wie soll aber irgendjemand aus so einem Sog wieder herauskommen? Indiziert wären wahrscheinlich Achtsamkeitstechniken, die dabei helfen, das Hier und Jetzt wieder schätzen zu lernen. Aber dennoch habe ich mich immer wieder auf Vergangenes zurückgeworfen gefühlt, hab es halb versucht zu unterdrücken und halb habe ich mich dem hingegeben; bis ich heute mal einen Haufen alter Nachrichten gelesen habe von der Person an der ich gerade hänge und einen möglichen Fehler von mir entdeckt habe, den ich damals begangen habe, und der wahrscheinlich Ursache für diesen Zustand war. Zugegebenermaßen, mit dem Wissen allein kann ich diesen Zustand noch nicht verbessern, denn die Persönlichkeitseigenschaften, die damals zu dem Fehler führten, sind immer noch bei mir da. Dennoch: Wenn man eine solche Erkenntnis als Erfolgserlebnis sehen kann, in welchem Fall sollte man dann überhaupt Probleme ignorieren? Wenn man an Vergangenem hängt, gibt es womöglich irgendwo im Untergrund ein Problem, das wirklich gelöst werden muss!

Samstag, 30. Juli 2016

Niemandes Aufgabe

Zu viele Teile wurden von mir genommen durch das Kämpfen, ich habe so Vieles verloren und zurück bleibt nur Seltsames und Ungewissheit, die Zeuge sind dass es schon viel zu lang gedauert hat, ich bin mir nicht einmal sicher ob es ein Kampf ist oder es je gewesen ist, und wenn ich nicht mehr weiß, was mit mir passiert, selbst das Passive nicht mehr verstehe, kann ich auch keine Entscheidungen mehr treffen, ich habe die Zeit bereits überlebt und es ist viel zu spät, überhaupt noch zu entscheiden, aber es ist auch alles seltsam, deswegen eben jetzt, viel zu spät, oder viel zu früh, vielleicht hat Zeit auch gar nichts damit zu tun, und wogegen auch immer es ist, gegen das sich dieser Kampf richtet, sei es gegen die Entropie, sei es gegen die Müdigkeit, ja, sei es gar gegen dich, denn es kann ja sein, denn die Grenzen zwischen Freund und Feind verschwimmen, ja, es passiert unsagbar oft dass sich die Rollen über Zeitspannen innerhalb ein und derselben Person auf teils dramatische, teils wundersame Weise abwechseln, und manchmal fügt es sich so zusammen dass es mich sehr glücklich macht, und es mag ja sein (obwohl so etwas nie die mir unverständlichen Änderungen wieder gut machen könnte), dass es gerade diese kleinen Inseln des persönlichen Wohls sind, die den entscheidenden Unterschied machen, die die grundlegende Entscheidung zum Weiterkämpfen aufrechterhalten, auch inmitten schwerer Zeiten, aber wie könnten sie das denn sein, wenn es doch so gewiss ist, dass jeder herzerwärmenden Begrüßung automatisch ein Lebewohl innewohnt, wie können sie es sein, wenn stets mehr von mir genommen wird als das ungefragte Ereignis mit sich brachte. Was auch immer mir auferlegt wurde, wer mich testen wollte, wer mich unter Generalverdacht stellte, ihr habt gesiegt und ich gebe auf. Ich habe gekämpft und die Definition legt fest, dass Verlust ein möglicher Ausgang ist, auch wenn du sagst, und ich höre es förmlich bereits wie du es sagst, ich habe ja noch gar nicht alles ausprobiert, und es stimmt, deine Methode habe ich nicht ausprobiert, doch ich will sie nicht ausprobieren, denn es ist nicht der meine Weg, und scheitern muss ich auf meine Weise, denn keinem außer mir wird die Verantwortung zuzuschreiben sein die ich für meinen inneren Frieden so dringend von mir abstoßen muss, sollte es dazu kommen dass ich auf fremdem Wege scheitere, aber natürlich wird es das nicht alles gewesen sein und ich kann auch schon an dieser Stelle zugeben, dass ich insgeheim hoffe, dass es doch noch Gelegenheit geben wird, meinem Widersacher ins Gesicht zu springen, ihn sagen zu hören dass ich ja bereits aufgegeben habe und wie wenig Ehre darin liegt mein Wort zu brechen, und ich werde ob dieser letzten versuchten Manipulation lächeln und wissen, dass in Fragen dieses Ausmaßes persönliche Selbstachtung zu einem bloßen Konzept verkommen ist und weniger wirklich ist als die Luft.

Donnerstag, 30. Juni 2016

Energie

Sollte sie sich heute etwa nicht melden? Beinahe zwanghaft lege ich mein Handy beiseite, versuche, für einen halben Tag nicht draufzuschauen. Schalte es aus. Nehme mir vor, eine zeitlang auch nicht von mir aus zu schreiben – vielleicht für drei Tage? Und es hilft mir, ich komme voran mit meiner Aufgabe. So gut sogar, dass ich kurzzeitig zufrieden bin mit mir und mich ausgelaugt fühle und neue Energie brauche. Ich habe mich in eine Situation gebracht, in der Essen und Trinken und Schlafen nicht mehr ausreicht um alles wiederherzustellen. Oder tut es das doch? Sei es drum, es ist meine Entscheidung. Der halbe Tag ist vorüber. Ich schalte mein Handy ein und sehe, sie hat geschrieben. Ich muss lächeln.

Ja, es ist meine Entscheidung, mich gut zu fühlen aufgrund von etwas, das nicht mir gehört und was mir jetzt auch nicht zusteht. Jeder kann sich so entscheiden. Jeder hat diese Verantwortung. Aber bezahle es später wieder zurück. Wenn du etwas Falsches machst, trage die Konsequenzen. Falls du etwas Falsches machen möchtest, bitte übertreibe es nicht, damit das Tragen der Konsequenzen nicht auf jeden Fall in der Tragödie endet. Einmal ist es nicht allzu schlimm. Zweimal wird schon schwieriger zu korrigieren sein. Aber lass etwas zur Gewohnheit werden das dir nicht zusteht, und du wirst dafür später bitter bezahlen um diese Ungerechtigkeit zu korrigieren. Irgendein System wird verletzt sein. Vielleicht ist es das Meine, und ich muss Verantwortung für meine Gefühle ablegen.

Fünf Jahre davor und wir stapften durch dichten Wald. Mitten in der Natur, doch ich war verloren in Gedanken. Ließ dich daran teilhaben. Du schüttelstest nur deinen Kopf, doch ich fand meinen Fehler nicht. Was, wenn es nicht besser werden kann? Wenn wir alles zurückbezahlen müssen, was wir bekommen haben? Woher soll es denn sonst kommen? Meine Antwort hieß, von anderen Menschen. Viele leiden, damit andere glücklich sind; doch in der Summe gibt es Nichts. Vielleicht sogar noch weniger. (War da nicht irgendwas mit Thermodynamik?) Was hat Wirtschaft für einen Sinn? Und wenn diese Sinn hat, was hat sie für eine Moral? Und wo ist überhaupt Moral, wenn alles Energie ist?

Wenige Jahre später habe ich dann meinen Fehler gefunden. Es gibt Wirtschaft, weil nicht klar ist, dass die Summe notwendigerweise konstant bleibt oder kleiner wird. Wirtschaft ist Optimismus. Sie ist moralisch verwerflich, wenn sie sich auf anderen dauerhaft abstützt. Aber sie ist nicht immer so. Die Zukunft ist wahrscheinlich, aber nicht gewiss. Warum nicht versuchen, etwas Positives zu erschaffen? Mein Fehler war zu glauben, die Erde sei ein geschlossenes System. Doch die Sonne ist für uns da und spendet Energie. Ohne zu fühlen. Die Möglichkeit der bemannten Raumfahrt begann mich zu faszinieren. Die Sonne gibt es bald nicht mehr, doch es gibt die Sterne. Die Sterne gibt es in ferner Zukunft nicht mehr, doch es gibt noch die Ungewissheit, wie sich Bewusstsein und Energie zueinander verhalten und die Möglichkeit, an optimistische Lösungen zu glauben.

Montag, 22. Februar 2016

Die Vergangenheit

Wie kann man sich die Vergangenheit anhand Analogien vorstellen? Nun, man kann zum Beispiel damit beginnen, die Zeit als eine Einheit zu betrachten, die nicht vorwärtsgerichtet ist, sondern nach oben in den Himmel ragt. Jedes einzelne Leben startet auf dem Boden und baut sich Schritt für Schritt auf Vorhergehendem auf. Ich stelle mir dabei Gebäude vor. Kleine Leben sind stabiler, sehnen sich aber vielleicht nach dem fabelhaften Ausblick, der ihnen für immer verwehrt bleibt, im Schatten der Wolkenkratzer. Eine Mindesthöhe wird aber vorausgesetzt, um seinen Zweck zu erfüllen. Und so gibt es bestimmte vertikale Meilensteine, die in ihrer Adäquatheit bereits etabliert sind - wesentliche Heuristiken, auf die man zurückgreifen kann, um ein stabiles Gebäude für seine Existenz zu bauen. Vielleicht gibt es noch bessere Methoden, aber um diese herauszufinden, bedürfe es risikoreichen Experimentierens mit dem Fundament seiner Existenz und das Risiko des Einsturzes ist hoch.

Was wäre, wenn statt dieser wichtigen Meilensteine große Löcher in der Fassade eingerissen sind - solche, die etwa zustande kommen, wenn man für lange Zeitabschnitte vegetiert statt lebt? Wenn man seine jeweiligen Aufgaben nicht angeht? Wenn man nicht aktiv ist, weder konstruktiv noch destruktiv, sondern passiv bleibt und nur halb existiert? Man kann sich diesen Löchern widmen und sie notdürftig stützen, aber damit geht Zeit verloren und die Schatten der anderen Wolkenkratzer aus deiner Generation signalisieren dir, dass du sie nie mehr einholen wirst. Aber du kannst auch einfach ambitioniert gen Himmel weiterbauen, und mit jedem Stein erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Schwerkraft an dir und deiner nachlässig gebauten Vergangenheit rächt. Außerdem: Vielleicht reißt du ja mit deinem Einsturz auch andere Gebäude, die dir nahe stehen, mit ins Verderben. Wer weiß schließlich, wie Dinge zusammenfallen?

Aber all das ist nur Analogie und nicht die Realität. Es ist zum Beispiel alles andere als klar, warum es die Schwerkraft nach unten gibt, aber keine nach oben gerichtete Größe, die dir das Voranschreiten in die Zukunft erleichtert. Womöglich macht diese Einseitigkeit durchaus schon Sinn: Etwas aufzubauen bedeutet immer einen (meist nicht unbedeutenden) Energieaufwand, wohingegen der Einsturz eigentlich immer abrufbar wäre. Dies spiegelt sich ja schließlich auch in nichtanalogischen Größen wie der Entropie.

Das alles mag plausibel erscheinen, bis man in sein Inneres schaut und diese Ansicht mit seinem introspektiven Wissen abgleicht. Da ist es vielmehr so, dass die Vergangenheit - und insbesondere negative Aspekte derselben - dich zu gewissen Positionen zurückziehen, wie ein Magnet. Du bist vielleicht zuversichtlich und verfolgst große Ambitionen, doch im nächsten Moment fällt es auf dich ein, wie du zu einem Zeitpunkt deines Lebens warst, der von großer Unsicherheit geprägt war. Dann wirst du auf einmal wieder diese Person und bleibst daran haften. Vielleicht wirst du davon loskommen, wenn der Magnet an Kraft verliert, jedoch nie aus eigener Kraft.

Und wieder ist die Vergangenheit hier etwas Anziehendes, etwas, das dich in eine unerwünschte Richtung zu sich bringt, wenn du ihr durch instabile Abschnitte deines Werdens die Macht dazu verleihst.

Doch warum unterhalten wir uns überhaupt über Analogien. Sie helfen vielleicht manchmal zu vorher nicht bedachten Lösungsansätzen, doch im Falle der Vergangenheit führen sie uns nicht weiter. Man kann nicht einmal mit Sicherheit sagen, dass es sie überhaupt gab. Fest steht, dass es sie nicht geben wird, doch auch die Existenz der Zukunft ist ungewiss. All die Sicherheiten über Bevorstehendes sind auch nur Konstrukte. Vielleicht macht es in Anbetracht dieser Überlegung Sinn, sein Leben doch für das Experimentieren herzugeben. Keiner kann nämlich sagen, was und ob passieren wird. Was soll denn passieren, wenn man die Vergangenheit loslässt? Keine schmerzende Sehnsucht mehr nach Dingen, die nicht wiederkehren werden? Keine Sehnsucht, die man ohnehin nur mit den Wenigsten teilen kann?