Gestern war ein wirklich schöner Tag.
Seit geraumer Zeit schien mal wieder die Sonne für viele Stunden,
keine Wolke am strahlend blauen Himmel, man konnte sogar die Wärme
im Gesicht spüren. Überall gutgelaunte Menschen, die in ihren
Jacken auf ihren gemütlichen Spaziergängen unterwegs waren, als
gäbe es keine Pflichten für sie. Und dann das Zwitschern der Vögel,
das meine Gefühle verwirrt hat. Wie als wäre der jährliche Zyklus
ausgesetzt, als würde die warme Jahreszeit doch noch die Oberhand
gewinnen und zurückkehren. In dem Moment wünschte ich mir ein
wenig, es wäre so. Aber warum wünschte ich mir das? Ein Gedanke kam
in mir auf. Ich wusste er war ganz unsinnig, aber er kam mir sogar
schon aus den letzten Jahren bekannt vor:
Das ist der letzte schöne Tag auf
dieser Erde...
Heute ist ein Wintertag. Es ist der
erste, ich kann es direkt spüren. Auf meinem Spaziergang erfüllen
der mit Wolken behangene Himmel und die kalte, klare Luft mein Herz
mit Wärme. Ich bin im Winter geboren. Das ist die Zeit für mich,
ich habe nie etwas anderes gekannt. Die Menschen sind verschlossener.
Die Straßen sind leerer. Durch ein Fenster sehe ich einen Mann
gedankenverloren ins Leere blicken. Und nie, nie wird es jemand
wirklich verstehen, was diese Jahreszeit für mich bedeutet.
Doch dann gibt es jene, die sich über
den Winter aufregen. Es wundert mich, meine Mitmenschen machen sonst
keinen besonders wetterfühligen Eindruck auf mich. Sie funktionieren
einfach, und sollten sich auch hier gut anpassen können. Doch sie
regen sich auf, keiner, den ich kenne, der sich über den Winter
freuen würde. Ich sollte darauf nicht antworten, jeder hat seine
eigenen Vorlieben, aber manchmal kann ich nicht widerstehen und
bringe mein Unverständnis zum Ausdruck. Was bringt es, sich über
eine Jahreszeit beschweren? Was wollt ihr denn daran ändern? Warum
gerade der Winter, warum nicht der Frühling, der Sommer, der Herbst?
Könnt ihr nicht euer Auto einfach mal stehen lassen, könnt ihr
nicht akzeptieren, dass es zu Verspätungen kommen kann, könnt ihr
nicht dankbar sein, jederzeit ins Warme gehen zu können, wenn ihr es
möchtet, und könnt ihr nicht auch insbesondere dafür dankbar sein,
irgendwann auch wieder in die Kälte treten zu dürfen?
Am liebsten würde ich ihnen sagen, wie
lächerlich dieser Ärger über den Winter ist. Als ob es danach
nicht weitergehen würde. Auch ich freue mich auf den Frühling, der
auf den Winter folgt und in mir Frühlingsgefühle hervorruft, ich
mag auch den Sommer, und ganz besonders der Herbst wird in mir
nächstes Jahr wieder besondere Glücksgefühle hochsteigen lassen,
wie jedes mal, da dann in mir wieder die Vorfreude auf den Winter
geweckt wird. Warum verstehen also die anderen das nicht? Und warum
interessiert mich überhaupt der Ärger der Anderen?
Innehaltend kommt mir ein neuer
Gedanke.
Noch möchte ich es mir kaum
eingestehen, aber ich merke es jetzt deutlich. Dieses Jahr hat sich
etwas bei mir geändert. Ich habe plötzlich die Angst, dass sich der
jährliche Zyklus nicht mit jedem Mal genauso wiederholt. Dass sich
immer etwas kleines ändert und - verloren geht. Darüber habe ich
nie zuvor nachgedacht. Vielleicht erholt sich die Landschaft nicht
mit jedem Frühling komplett. Vielleicht haben die anderen recht und
mit jedem Stück Frühling wird auch etwas von mir genommen. Denn der
Frühling und das Aufwachen ist mir genauso wichtig wie das Schlafen.
Werde ich immer müder? Wie konnte es passieren, dass ich so etwas
denke? Ich liebe den Winter, aber ich fühle mich, als hätte ich
jemanden verraten. Ich habe plötzlich Angst, was die Dunkelheit mit
mir macht. Ob ich es vielleicht nicht schaffe wie jedes Jahr.
Vielleicht ändert sich zu viel und ich merke nicht...
Ich habe Angst vorm Winter. Was ist
jetzt noch von mir übrig?
All diese Gedanken machen mich nervös.
Der Tag hat noch viele, viele Stunden.
Und ich habe Angst.
Ich werde bei mir zu Hause sitzen,
nervös, unfähig, mich auf etwas zu konzentrieren.
Doch so wird es nicht bleiben, weiß
ich: nur bis zum nächsten Spaziergang.
Willkommen zurück, mein alter Freund.