Samstag, 25. Oktober 2014

Angst vorm Winter

Gestern war ein wirklich schöner Tag. Seit geraumer Zeit schien mal wieder die Sonne für viele Stunden, keine Wolke am strahlend blauen Himmel, man konnte sogar die Wärme im Gesicht spüren. Überall gutgelaunte Menschen, die in ihren Jacken auf ihren gemütlichen Spaziergängen unterwegs waren, als gäbe es keine Pflichten für sie. Und dann das Zwitschern der Vögel, das meine Gefühle verwirrt hat. Wie als wäre der jährliche Zyklus ausgesetzt, als würde die warme Jahreszeit doch noch die Oberhand gewinnen und zurückkehren. In dem Moment wünschte ich mir ein wenig, es wäre so. Aber warum wünschte ich mir das? Ein Gedanke kam in mir auf. Ich wusste er war ganz unsinnig, aber er kam mir sogar schon aus den letzten Jahren bekannt vor:

Das ist der letzte schöne Tag auf dieser Erde...

Heute ist ein Wintertag. Es ist der erste, ich kann es direkt spüren. Auf meinem Spaziergang erfüllen der mit Wolken behangene Himmel und die kalte, klare Luft mein Herz mit Wärme. Ich bin im Winter geboren. Das ist die Zeit für mich, ich habe nie etwas anderes gekannt. Die Menschen sind verschlossener. Die Straßen sind leerer. Durch ein Fenster sehe ich einen Mann gedankenverloren ins Leere blicken. Und nie, nie wird es jemand wirklich verstehen, was diese Jahreszeit für mich bedeutet.

Doch dann gibt es jene, die sich über den Winter aufregen. Es wundert mich, meine Mitmenschen machen sonst keinen besonders wetterfühligen Eindruck auf mich. Sie funktionieren einfach, und sollten sich auch hier gut anpassen können. Doch sie regen sich auf, keiner, den ich kenne, der sich über den Winter freuen würde. Ich sollte darauf nicht antworten, jeder hat seine eigenen Vorlieben, aber manchmal kann ich nicht widerstehen und bringe mein Unverständnis zum Ausdruck. Was bringt es, sich über eine Jahreszeit beschweren? Was wollt ihr denn daran ändern? Warum gerade der Winter, warum nicht der Frühling, der Sommer, der Herbst? Könnt ihr nicht euer Auto einfach mal stehen lassen, könnt ihr nicht akzeptieren, dass es zu Verspätungen kommen kann, könnt ihr nicht dankbar sein, jederzeit ins Warme gehen zu können, wenn ihr es möchtet, und könnt ihr nicht auch insbesondere dafür dankbar sein, irgendwann auch wieder in die Kälte treten zu dürfen?

Am liebsten würde ich ihnen sagen, wie lächerlich dieser Ärger über den Winter ist. Als ob es danach nicht weitergehen würde. Auch ich freue mich auf den Frühling, der auf den Winter folgt und in mir Frühlingsgefühle hervorruft, ich mag auch den Sommer, und ganz besonders der Herbst wird in mir nächstes Jahr wieder besondere Glücksgefühle hochsteigen lassen, wie jedes mal, da dann in mir wieder die Vorfreude auf den Winter geweckt wird. Warum verstehen also die anderen das nicht? Und warum interessiert mich überhaupt der Ärger der Anderen?

Innehaltend kommt mir ein neuer Gedanke.

Noch möchte ich es mir kaum eingestehen, aber ich merke es jetzt deutlich. Dieses Jahr hat sich etwas bei mir geändert. Ich habe plötzlich die Angst, dass sich der jährliche Zyklus nicht mit jedem Mal genauso wiederholt. Dass sich immer etwas kleines ändert und - verloren geht. Darüber habe ich nie zuvor nachgedacht. Vielleicht erholt sich die Landschaft nicht mit jedem Frühling komplett. Vielleicht haben die anderen recht und mit jedem Stück Frühling wird auch etwas von mir genommen. Denn der Frühling und das Aufwachen ist mir genauso wichtig wie das Schlafen. Werde ich immer müder? Wie konnte es passieren, dass ich so etwas denke? Ich liebe den Winter, aber ich fühle mich, als hätte ich jemanden verraten. Ich habe plötzlich Angst, was die Dunkelheit mit mir macht. Ob ich es vielleicht nicht schaffe wie jedes Jahr. Vielleicht ändert sich zu viel und ich merke nicht...

Ich habe Angst vorm Winter. Was ist jetzt noch von mir übrig?

All diese Gedanken machen mich nervös.

Der Tag hat noch viele, viele Stunden. Und ich habe Angst.

Ich werde bei mir zu Hause sitzen, nervös, unfähig, mich auf etwas zu konzentrieren.

Doch so wird es nicht bleiben, weiß ich: nur bis zum nächsten Spaziergang.

Willkommen zurück, mein alter Freund.

Donnerstag, 16. Oktober 2014

Traumgedanken

Die Welt ist ein Traum.

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Egal, wie sicher du dir bist, dass du es gerade wahrhaftig geschafft hast, ohne Hilfsmittel zu fliegen: Du träumst gerade.

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Die Wahrscheinlichkeit, nach dem Aufwachen und vielen Stunden des Wachseins wieder schlafen zu gehen, ist weitaus geringer, als nach dem Aufwachen gleich wieder aufzuwachen.

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Während du das hier liest, könnte dein Körper gerade im Bett liegen und schlafen. Aber woher solltest du das wissen? Träume werden doch so gut wie immer mit dem Wachleben verwechselt, und erst im Nachhinein, nach dem Aufwachen, erkennt man sie als Träume.
Doch es gibt mehrere Traumtests (: im Wachen unmögliche Vorgänge, die die Traumwelt sofort als eine solche entlarven). Dieser hier ist der Empfehlenswerteste: Halte mit den Fingern deine Nase fest zu und schließe den Mund. Ziehe jetzt Luft durch deine Nase. Dieser Test funktioniert nicht zuverlässig. Manchmal hält man auch im Wachen die Nase nicht richtig zu, sodass etwas Luft hineinströmt, und manchmal denkt man im Traum, es würde nicht genügend Luft durch die Finger und die Nasenflügel fließen, als dass es physikalisch unmöglich wäre. Außerdem sieht es idiotisch aus im Umfeld anderer, wenn man wach ist. Und dennoch empfehle ich dir diesen Test. Ich möchte, dass du dieses Gefühl einmal im Traum erlebt hast!

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Ein Klartraum ist ein Traum, während dessen man sich sicher ist, dass man gerade einen Traum erlebt und nicht etwa wach ist. An sich ein aus vielerlei Gründen erstrebenswerter Zustand. Und doch lässt diese Definition Phänomene zu, die nicht sehr befriedigend sind. Das führte zur Einführung des Begriffs "präluzid". - "vorklar".
Ich nenne dir zwei Kriterien, woran du erkennst, dass deine Traumerkenntnis noch nicht ganz klar ist. Einerseits könntest du zwar den Traum als solchen erkennen, aber die Erinnerung an die Wachwelt (die man ja als Kontrast für diese Erkenntnis braucht) verwechseln mit einer Phantasiewelt. Das "klar" zu nennen wäre also nicht angemessen, dein Gedächtnis wäre hier gestört. Andererseits handelst du aber auch gestört, wenn du nach der Traumerkenntnis getane Dinge später, nach dem Aufwachen, bereust: "Warum habe ich weiterhin den Rasen gemäht und bin nicht einfach weggeflogen?" Das ist dann kein befriedigender Klartraum!

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Wenn du das Klarträumen erlernen möchtest, denke nicht, dass der präluzide Zustand eine Etappe zum Ziel des vollluziden Traums wäre. Die Bezeichnung "präluzid" ist in diesem Sinne irreführend. Präluzide Träume sind keine lohnende Vorstufe und auf der Vorzugs-Skala sogar noch den vollkommen nichtluziden Träumen unterzuordnen.

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Trauminkubation ist die vorherige Festlegung, sozusagen die Programmierung des später erlebten Trauminhalts. Diese Programmierung findet dabei während des Wachseins statt. Das dient dazu, später beim Träumen die Traumwelt als vollkommen real wahrzunehmen. Es dient dazu, sich der Illusion vollkommen hinzugeben, während sie passiert. Stell dir vor, welche Erlebnisse damit möglich wären!
Ich habe nicht den blassesten Schimmer, wie man Träume inkubiert und ob sowas überhaupt ohne Weiteres möglich ist.

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Egal, wie sehr du dich freust, dass du beim Aufwachen tatsächlich einen Traumgegenstand in die Realität mit hinüber genommen hast: Du wirst bald wieder aufwachen.

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Träume werden zum Zeitpunkt des Stattfindens in der Regel mit dem Wachsein verwechselt. Offenbar ist die Verwechslung in die andere Richtung im Normalfall gar nicht möglich, obwohl im Wachleben manchmal mehr als genug seltsame Dinge passieren.

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Wenn man den Traum als solchen erkannt hat, scheint er instabil zu werden. Womöglich ist das umso eher der Fall, je mehr man sich der illusorischen Natur des Traumes bewusst ist - der Preis des Wissens um komplette Handlungsfreiheit.
Und dennoch bricht der Traum eher selten dann zusammen, wenn man es denkt. Zuerst schwindet die Sicht. Das heißt aber nicht, dass man aufgewacht ist. Wahrscheinlich entsteht bald ein neuer Traum. Auch bedeutet ein Aufwachen nicht unbedingt, dass man sich in der Wachwelt befindet; es könnte ein falsches Erwachen sein und das Aufwachen war selbst nur geträumt. Schwieriger ist es, wenn man nur noch Beobachter des Traumes ist und in keinem Körper mehr steckt. Wie soll man dann wieder in einen Körper innerhalb des Traums gelangen? Wie kann aus der dritten Person wieder die erste werden?
Der Traum ist aber auf jeden Fall vorüber, wenn die soeben wahrgenommene Welt ganz plötzlich nur noch Tagtraum-Qualität hat.

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Dadurch, dass ich das hier alles schreibe und über das Träumen nachdenke, habe ich heute Nacht einen Klartraum.

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Ich kann manchmal nachts nicht einschlafen. Irgendwann stelle ich dann fest, dass meine Gedanken immer seltsamer werden. Dann freue ich mich, denn je seltsamer ich denke, desto näher bin ich am Einschlafen.
An seltenen Nächten bin ich in einem Gemütszustand, der es mir erlaubt, ohne jede Mühe Meisterwerke zu komponieren, unerreicht in Experimentierfreudigkeit und Eleganz. Meisterwerke, die niemals von jemandem gehört werden.

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Ich wüsste gern, wie man gezielt ganz leichten Schlaf erzeugt. Auf diese Weise könnte man Klarträume haben, wann man will.

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Klarträume erlauben Freiheit des Handelns, doch es ist höchst ungewiss, ob auch volle Freiheit der Wahrnehmung besteht: neue Farben, Gefühle oder gar Sinne zu erfahren - ist das im Traum möglich? Manche behaupten es, aber wie soll man sich sicher sein...

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Wer weiß schon wirklich, was Träume für eine Funktion haben und welchen Regeln sie folgen. Viele glauben es aber zu wissen und stellen es als Tatsachenwissen dar.

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Lerne, dich von deinem Körper zu verabschieden. Das ist der Schlüssel zum bewussten Einschlafen. Lasse los. Du wirst einen anderen Körper bekommen, in welche Welt auch immer du aufwachen wirst.

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