Bis heute war noch Hoffnung. Hoffnung, dass ich nicht auf dem falschen Weg bin, oder dass das Ereignis mit dem einen Prozent Wahrscheinlichkeit noch eintritt. Es ist wichtig zu verstehen dass diese Hoffnung auch noch andauern, morgen wieder auftauchen, in einem wöchentlichen Rhythmus da sein könnte oder von mir für immer fallengelassen wurde. Ob sie vorhanden ist oder nicht ist nicht etwas, das mit mir passiert. Nein. Ich bestimme.
Und doch: Es scheint, ich könne nur gewinnen, wenn ich diese Hoffnung aufgebe. Loslasse. Raum für Neues schaffe. Das mag jetzt nach ganz banalem Rat klingen. Aber von Ratschlägen möchte ich mich nicht blind einengen lassen und ich möchte sie auch nicht hochnäsig ignorieren. Eine unkonventionelle, dadurch teils risikobehaftete Herangehensweise an Dinge behalte ich mir weiterhin vor, eine Beliebigkeit der Handlungen auf der anderen Seite ist aber auch nicht mein Ziel.
Durch die Aufgabe der Hoffnung habe ich heute die ein oder andere persönliche Erkenntnis gehabt. Alle Wahrnehmungen, die ich erfahre, sind meine eigenen und nicht mit anderen teilbar. Die Bedeutung, die ich dem Wind beimesse, dem Wind, welcher meinen Unterarm streichelt wenn ich nach langer Zeit nach draußen gehe - es ist derselbe winzige Platz wie jedes Mal, nichts im Ansatz das man als aufregend beschreiben könnte -, diese Bedeutung bedarf absolut keiner Rechtfertigung, denn es gibt keine Unterhaltung mit irgendjemandem darüber, kein Urteil der anderen. Welchen Aspekten meiner Umgebung ich gerade Beachtung schenke, liegt ganz alleine in meinem Ermessen. Warum sollte ich wegschauen, nur weil ich in der Präsenz anderer Leute bin? Der Blick auf den Boden, was bringt er? Schäme ich mich etwa über die stets identische Umgebung, die ich wahrnehme? Kann ich entgeisterten Blicken auf meinem Weg nicht standhalten? Auf der anderen Seite, was weiß ich schon darüber, wie sich diese Entgeisterung in den Köpfen anderer anfühlt? Es ist egal, Verantwortung über die eigenen Empfindungen muss ich nur mir selbst gegenüber übernehmen, niemand anderem. Die hervorgerufenen Emotionen bleiben stets im Inneren. Diese Einsicht ist äußerst schmerzhaft - und befreiend. Aber befreiend wovon? Ist das, was ich gerade aufschreibe, nicht selbstverständlich und damit gänzlich irrelevant? Wie kann jemandem, der an die robustesten Erkenntnisse der Wissenschaft zu glauben behauptet ein solcher Fehler unterlaufen: Wie kann dieser jemand glauben, jemand anderes begleite all seine Erlebnisse und stehe zum seelischen Austausch zu Verfügung?
Was stimmt nicht mit mir?
Denn noch bis heute habe ich angenommen, alles mit dir zu teilen.
Jede bewusste Wahrnehmung. Jedes spürbare Gefühl. Jedes von mir beachtete Zittern der Hand kommunizierte ich ins Leere in Erwartung eines Urteils. Jede Interaktion mit anderen. Jede Unsicherheit. Jedes Verlangen. Jedes Ziel. Jeden innersten Wunsch. Jeden blauen farbigen Pixel auf dem Bildschirm, sofern ich diesen bewusst wahrgenommen habe. Jeden Zweifel, und stets in Zeiten der Verzweiflung. Jeden inneren Dialog (ganz besonders all die inneren Dialoge!). Jede Anstrengung. Jedes Empfinden von Schuld. Jeden Anblick dieses einen Menschen, auf den ich mich gerade beziehe und wie ich mich dadurch fühle. Alles. Immer glaubte ich eine weitere Person bei und in mir, bereit zum Austausch mit mir, eine Person, die ich hier gerne mit "du" benennen möchte. Aber das wäre falsch. Es wäre nicht nur falsch, sondern es würde das schmerzende Elend verewigen und mich tiefer in meine Sackgasse führen. Von nun an gibt es eine andere Art von Schmerz, die ich ertragen muss. Denn von nun an muss ich mir vergegenwärtigen: Ich führe kein Gespräch mit der Person, an die ich gerade denke. Ich bin alleine.
Wenn ich daran denke, fühle ich mich, als müsste ich weinen. Ich denke, ich könnte jetzt weinen. Die letzten Jahre konnte ich es nicht. Vielleicht ist es jetzt notwendig.
Auch dieser neue Schmerz ist nahezu unerträglich, so unerträglich, dass ich ihm nicht entgegentreten wollte und lieber den Status Quo aufrecht erhalten habe. Ich bin alleine. Welch Einsicht, die gleichermaßen selbstverständlich und extrem weitreichend ist! Es ist schmerzhaft aufzugeben. Es ist eine riesige Quelle an Bedeutung und Trost, Sinnhaftigkeit und Bestimmung, die nun verloren gegangen ist. Halte ich es aus, diese nicht zu ersetzen? Und was ist mit der Reue, die ich empfinden werde? Die Reue genau diesen Zeitpunkt verpasst zu haben, der mir eine Chance bietet auf tatsächliche und andauernde Zweisamkeit? Die Chance, endlich diese Exklusivität zu erreichen, die ich all die Zeit in diese eine Person projiziert habe? Wie wird es sich von nun an für mich anfühlen dies aufzugeben?
Aber wenn ich diese Einsicht von nun an lebe, komme ich vielleicht einer anderen Verletzung zuvor. Was, wenn ich mit eigenen Sinnen erfahre, wie jene Person, an die ich gerade mit jedem geschriebenen Wort denke, in höchster Exklusivität gerade einen anderen Menschen verführt? Wenn diese Zweisamkeit sie auf einmal meine Anwesenheit und jede Interaktion zwischen uns vergessen lässt, ebenso die Wirkung auf mich, wenn ich die Zungen beider Personen wahrnehmen muss, welche sich mit feuchten Schmatzgeräuschen eng umschließen? Die Illusion wäre mit einem Schlag dahin. Ich wäre alleine, und gleichzeitig wäre ich erregt. Dies mitzubekommen - eine Frage der Zeit im Falle des Hoffens - sollte eine ganz andere Dimension des Schmerzes zur Folge haben. Denn dies wäre etwas, das nicht sein darf. Ohne Hoffnung ist es nur etwas, das so ist.
Aber meine Gedanken werden wieder abdriften und nur mit Mühe werde ich mir die Realität vor Augen halten können. Sie ist wie ein Magnet. Sobald ich weiß oder auch nur vermute, dass sie in meiner Nähe ist und meine Anwesenheit irgendwie wahrnehmen könnte, ja dann... dann wird es mir nur mit äußerster Kraft und auch nur manchmal gelingen, nicht darüber Vermutungen anzustellen, woran sie gerade denken mag und ob ich im Fokus ihrer Gedanken bin. Aber vielleicht, nur vielleicht, sind die Erkenntnisse, die ich gerade versuche aufzuschreiben, hinreichend, den krankhaften Glauben abzulegen sie sei gerade bei mir. Und mit viel Glück helfen mir diese Erkenntnisse über die Zeit, dass ich auch im Falle ihrer direkten Anwesenheit ich selbst sein kann - und dem Magnet entgehe.
Nachdem ich fertig geschrieben habe, werde ich meditieren. Und aufräumen. Lange habe ich keine Ruhe gefunden zur Meditation, obwohl mir dessen Vorteile bewusst sind. Ich konnte nicht die Kraft aufbringen, die auftauchenden Schmerzen auszuhalten. Denn ich war nicht allein. Ich war nicht für mich verantwortlich.
Ich hatte mein Phantom, ich sprach zu ihm, und es sprach zu mir.
Der Bankdiebstahl
vor 12 Jahren