Sonntag, 23. April 2017

Alias

Es ist wieder soweit. Ich sehe, wie meine unrealistischen Pläne einmal mehr in sich zusammenfallen - nur um in einer späteren Phase der Manie erneut durch mich geträumt zu werden, in fester Absicht ihrer Verwirklichung.

Dabei meinte ich, eine Sichtweise der Dinge gefunden zu haben, die mich nicht mehr depressiv werden lässt. Einen funktionalen Grundoptimismus, Ausprobieren statt Passivität, mit der naheliegenden Begründung, dass man mit letzterem nur verlieren kann. Und doch; da ist sie wieder. Hoffnungslosigkeit hat sich einmal mehr breit gemacht. Zuviel Unordnung ist durch mich entstanden, zuviel um es wieder gut zu machen. Jedenfalls könnte ich es nicht. Nicht jetzt. Und die Zeit schreitet immer weiter voran.

Natürlich kann ich es für heute gut sein lassen und morgen weitermachen. Nur kommt der Morgen zu schnell und es hat sich nichts verändert. Jahrelang habe ich es auf diese Weise probiert.

Ich werde nicht umkommen, nur weil mir die Sinnlosigkeit von allem ins Gesicht schaut. Das bin ich gewöhnt. Ich bin nur im Ab, nichts weiter. Das Auf wird wiederkommen. Allzu schlimm kann es also gar nicht sein, doch in einem Zustand wie dem Jetzigen wird mir klar, dass auch im Optimismus außer Träumen nichts ist;
dass ich
selbst in den produktiven Zeiten
nichts schaffe
das bestehen bleibt.

Montag, 9. Januar 2017

Oxytozin

Wir kennen uns kaum.

Wie wir hier hergekommen sind ist kaum mehr nachvollziehbar - wie so oft. Und unter diesen Umständen ist es wohl auch gänzlich irrelevant. Sei es nur der profane Platzmangel, sei es dass du mich magst, sei es eine Elevation zu schaffen für die Wirksamkeit einer späteren Verletzung, ich möchte den tatsächlichen Grund gar nicht wissen. Mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit existierst du auch nur in meinem Kopf. Vielleicht ist es nur ein Traum, vielleicht weilst du von je her nur in meiner Vorstellung für die Zeit meines Daseins. Für mich zählt, du bist hier.

Es stört mich kaum, dass mein Bruder unten im Doppelstockbett liegt mit der von mir zuvor so begehrten Felinität, ich kann die beiden gerade nicht sehen und du bist nackt. Ich kuschle mich an dich, fahre mit meinen Fingern über deine Haut. Es gibt eine tiefe Verbindung zwischen uns. Alle Stimulationen für dich fühle ich ebenso an mir selbst und genieße sie vollkommen. Wir beide befinden uns in einer kaum in Worte zu fassenden Halbexistenz. Und jede Drehung und jede Bewegung, mit der ich dich auf andere Art festhalte, intensiviert die angenehme Wärme, die mich zunehmend ruhiger macht.

Dies ist die Form größter Intimität - das Prüfen, ob der andere noch bei einem ist selbst am Rande des Schlafs. Manchmal vergeht einige Zeit und ich habe Angst, dich durch meine Kontaktaufnahme zu stören. Und dann plötzlich - wie viele Gedanken mögen seither verstrichen sein? - wage ich es wieder, meinen Fuß gegen deinen zu drücken, nicht als unwillkürliche Bewegung, vielmehr als Kommunikation, als Hoffen auf Antwort. Hast du mich schon verlassen?

Doch deine Antwort kommt, instantan, nicht als hättest du darauf gewartet, nein, vielmehr, als wärst du immer bereit mir zu antworten, mich nicht alleinlassend, auch nicht beim Übertritt in das kalte einsame Reich der einst Lebendigen. Und nun weiß ich auch, wieviel du mir bedeutest, gemessen an den warmen pulsierenden Strahlen die durch die Gesamtheit meines Körpers schießen und begreife, wie mir nie jemand näher sein kann.

Unter dem Eindruck der Dosis, die du mir gerade verpasst hast, stört es mich kaum, wie du nun mit meinem Bruder in einem anderen Zimmer auf einer großen Schlaffläche liegst, gemeinsam mit deiner Freundin und Mitbewohnerin. Mit dem Platz den du ungefragt hinterlassen hast, dringt mein Verstand kurz an die Oberfläche und meint, es sei tatsächlich der erste Grund zutreffend gewesen.

So soll es sein. Mit dem Rest an Flügeln tanze ich zurück in mein Bett.