Wie kann man sich die Vergangenheit anhand Analogien vorstellen? Nun, man kann zum Beispiel damit beginnen, die Zeit als eine Einheit zu betrachten, die nicht vorwärtsgerichtet ist, sondern nach oben in den Himmel ragt. Jedes einzelne Leben startet auf dem Boden und baut sich Schritt für Schritt auf Vorhergehendem auf. Ich stelle mir dabei Gebäude vor. Kleine Leben sind stabiler, sehnen sich aber vielleicht nach dem fabelhaften Ausblick, der ihnen für immer verwehrt bleibt, im Schatten der Wolkenkratzer. Eine Mindesthöhe wird aber vorausgesetzt, um seinen Zweck zu erfüllen. Und so gibt es bestimmte vertikale Meilensteine, die in ihrer Adäquatheit bereits etabliert sind - wesentliche Heuristiken, auf die man zurückgreifen kann, um ein stabiles Gebäude für seine Existenz zu bauen. Vielleicht gibt es noch bessere Methoden, aber um diese herauszufinden, bedürfe es risikoreichen Experimentierens mit dem Fundament seiner Existenz und das Risiko des Einsturzes ist hoch.
Was wäre, wenn statt dieser wichtigen Meilensteine große Löcher in der Fassade eingerissen sind - solche, die etwa zustande kommen, wenn man für lange Zeitabschnitte vegetiert statt lebt? Wenn man seine jeweiligen Aufgaben nicht angeht? Wenn man nicht aktiv ist, weder konstruktiv noch destruktiv, sondern passiv bleibt und nur halb existiert? Man kann sich diesen Löchern widmen und sie notdürftig stützen, aber damit geht Zeit verloren und die Schatten der anderen Wolkenkratzer aus deiner Generation signalisieren dir, dass du sie nie mehr einholen wirst. Aber du kannst auch einfach ambitioniert gen Himmel weiterbauen, und mit jedem Stein erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Schwerkraft an dir und deiner nachlässig gebauten Vergangenheit rächt. Außerdem: Vielleicht reißt du ja mit deinem Einsturz auch andere Gebäude, die dir nahe stehen, mit ins Verderben. Wer weiß schließlich, wie Dinge zusammenfallen?
Aber all das ist nur Analogie und nicht die Realität. Es ist zum Beispiel alles andere als klar, warum es die Schwerkraft nach unten gibt, aber keine nach oben gerichtete Größe, die dir das Voranschreiten in die Zukunft erleichtert. Womöglich macht diese Einseitigkeit durchaus schon Sinn: Etwas aufzubauen bedeutet immer einen (meist nicht unbedeutenden) Energieaufwand, wohingegen der Einsturz eigentlich immer abrufbar wäre. Dies spiegelt sich ja schließlich auch in nichtanalogischen Größen wie der Entropie.
Das alles mag plausibel erscheinen, bis man in sein Inneres schaut und diese Ansicht mit seinem introspektiven Wissen abgleicht. Da ist es vielmehr so, dass die Vergangenheit - und insbesondere negative Aspekte derselben - dich zu gewissen Positionen zurückziehen, wie ein Magnet. Du bist vielleicht zuversichtlich und verfolgst große Ambitionen, doch im nächsten Moment fällt es auf dich ein, wie du zu einem Zeitpunkt deines Lebens warst, der von großer Unsicherheit geprägt war. Dann wirst du auf einmal wieder diese Person und bleibst daran haften. Vielleicht wirst du davon loskommen, wenn der Magnet an Kraft verliert, jedoch nie aus eigener Kraft.
Und wieder ist die Vergangenheit hier etwas Anziehendes, etwas, das dich in eine unerwünschte Richtung zu sich bringt, wenn du ihr durch instabile Abschnitte deines Werdens die Macht dazu verleihst.
Doch warum unterhalten wir uns überhaupt über Analogien. Sie helfen vielleicht manchmal zu vorher nicht bedachten Lösungsansätzen, doch im Falle der Vergangenheit führen sie uns nicht weiter. Man kann nicht einmal mit Sicherheit sagen, dass es sie überhaupt gab. Fest steht, dass es sie nicht geben wird, doch auch die Existenz der Zukunft ist ungewiss. All die Sicherheiten über Bevorstehendes sind auch nur Konstrukte. Vielleicht macht es in Anbetracht dieser Überlegung Sinn, sein Leben doch für das Experimentieren herzugeben. Keiner kann nämlich sagen, was und ob passieren wird. Was soll denn passieren, wenn man die Vergangenheit loslässt? Keine schmerzende Sehnsucht mehr nach Dingen, die nicht wiederkehren werden? Keine Sehnsucht, die man ohnehin nur mit den Wenigsten teilen kann?
Der Bankdiebstahl
vor 12 Jahren