Dienstag, 3. November 2015

Es ist schon in Ordnung

Ich bin gedankenversunken in Maries Wohnung. Das ist mittlerweile so normal für mich, dass ich mich schon gar nicht mehr schlecht fühle deswegen. Irgendjemand hat mir vor einiger Zeit mal einen Schlüssel gegeben. Jetzt häng ich hier ab, hab mir ein Bad gegönnt, sitze im Schneidersitz auf dem Teppich im dunklen Wohnzimmer und träume vor mich hin.

Einige Momente später stehe ich auf und möchte gehen, denn ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, wann sie heute nach Hause kommt und wenn sie mich hier entdeckt, wäre das äußerst schlecht, für beide. Sicherlich habe ich nichts gestohlen oder zerstört, nicht herumgestöbert und ich hinterlasse auch immer alles so wie ich es vorgefunden habe. Aber das einer Person zu erklären, die gerade einen Eindringling entdeckt, halte ich für aussichtslos; "nichts Schlimmes zu machen" ist eine unglaubwürdige Begründung für unerlaubtes Eindringen in eine Wohnung.

Dann höre ich ein Geräusch. Kann es das sein, was ich befürchte? Ja tatsächlich, ein Schlüssel dreht sich im Schloss. Bisher war mir hier alles egal, jetzt aber bin ich mir schlagartig der Ernsthaftigkeit der Situation bewusst. Ein Kloß formt sich in meinem Hals. Ich muss schnell handeln; sich zu verstecken ist aussichtslos, weil ich hier in einer Sackgasse bin. Besser ich öffne die Tür zum Flur und "stelle" mich, bevor sie mich entdeckt und sich schlimm erschreckt, denn Letzteres könnte böse für mich enden.

Je mehr ich die Wohnzimmertür öffne, desto mehr helles, warmes Licht aus dem Flur strahlt mir entgegen. Ich fange gleich an zu reden, in einem möglichst ruhigen Ton: "Bitte erschrick nicht, ich kann alles erklären", oder "Das ist nicht, wonach es aussieht", oder etwas in der Art, ich kann mich nicht mehr genau erinnern. Marie scheint nur einen Moment lang eingefroren zu sein, wie sie etwa zwei Meter von mir entfernt steht, zwischen uns der Türrahmen; sodann rennt sie auf mich los, mit einem Schrei, der nicht wirkt, als würde er einen körperlichen Angriff vorbereiten - eher ein Schrei der Wut über das, was ich getan habe.

Bevor sie mich in ihrem Sprint erreicht, überlegt sie es sich aber offenbar plötzlich anders und versucht, sich dieser seltsamen Situation anhand ruhiger Eindringlichkeit zu nähern. "Warum? Warum erlaubst du dir immer so etwas?", will sie von mir wissen. Es herrscht auf einmal Gesprächsbereitschaft. Daher fühlt sich die Situation für mich auch nicht mehr so ernst an. Ich fühle mich, als könnte ich mir erlauben, die Träne von ihrem linken Auge mit meinem Daumen sanft wegzuwischen, obwohl sie sich noch gar nicht vollends geformt hat. Die Haut fühlt sich sehr rau an. Ich weiß, dass diese Aktion womöglich als sehr intim gilt, aber weil mir alles wieder ziemlich irreal erscheint, denke ich nicht allzu sehr darüber nach, außerdem wehrt sie sich nicht dagegen.

Ich gestehe, dass ich öfter hier bin, dass ich ja auch den Schlüssel bekommen habe und dass ich es sehr bereue, solche Sachen. Eine genaue Erklärung kann ich auch nicht abliefern. Ich versuche nur, möglichst schnell wieder hier rauszukommen, um das nicht wieder zu tun und, wenn möglich, ihr auch nicht mehr zu begegnen. Aber eines wundert mich: Ich hatte immer meine schwarze Fahrradtasche in ihrem Wohnzimmer vergessen. Hatte sie das nicht bemerkt?

Während ich aus meinem Bett aufstehe um zur Toilette zu gehen, überlege ich mir, dass ich sie das gerne noch fragen würde, wenn ich wieder einschlafe.