Ich bin gedankenversunken in Maries
Wohnung. Das ist mittlerweile so normal für mich, dass ich mich
schon gar nicht mehr schlecht fühle deswegen. Irgendjemand hat mir
vor einiger Zeit mal einen Schlüssel gegeben. Jetzt häng ich hier
ab, hab mir ein Bad gegönnt, sitze im Schneidersitz auf dem Teppich
im dunklen Wohnzimmer und träume vor mich hin.
Einige Momente später stehe ich auf
und möchte gehen, denn ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, wann
sie heute nach Hause kommt und wenn sie mich hier entdeckt, wäre das
äußerst schlecht, für beide. Sicherlich habe ich nichts gestohlen
oder zerstört, nicht herumgestöbert und ich hinterlasse auch immer
alles so wie ich es vorgefunden habe. Aber das einer Person zu
erklären, die gerade einen Eindringling entdeckt, halte ich für
aussichtslos; "nichts Schlimmes zu machen" ist eine
unglaubwürdige Begründung für unerlaubtes Eindringen in eine
Wohnung.
Dann höre ich ein Geräusch. Kann es
das sein, was ich befürchte? Ja tatsächlich, ein Schlüssel dreht
sich im Schloss. Bisher war mir hier alles egal, jetzt aber bin ich
mir schlagartig der Ernsthaftigkeit der Situation bewusst. Ein Kloß
formt sich in meinem Hals. Ich muss schnell handeln; sich zu
verstecken ist aussichtslos, weil ich hier in einer Sackgasse bin. Besser
ich öffne die Tür zum Flur und "stelle" mich, bevor sie
mich entdeckt und sich schlimm erschreckt, denn Letzteres könnte
böse für mich enden.
Je mehr ich die Wohnzimmertür öffne,
desto mehr helles, warmes Licht aus dem Flur strahlt mir entgegen.
Ich fange gleich an zu reden, in einem möglichst ruhigen Ton: "Bitte
erschrick nicht, ich kann alles erklären", oder "Das ist
nicht, wonach es aussieht", oder etwas in der Art, ich kann mich
nicht mehr genau erinnern. Marie scheint nur einen Moment lang
eingefroren zu sein, wie sie etwa zwei Meter von mir entfernt steht,
zwischen uns der Türrahmen; sodann rennt sie auf mich los, mit einem
Schrei, der nicht wirkt, als würde er einen körperlichen Angriff
vorbereiten - eher ein Schrei der Wut über das, was ich getan habe.
Bevor sie mich in ihrem Sprint
erreicht, überlegt sie es sich aber offenbar plötzlich anders und
versucht, sich dieser seltsamen Situation anhand ruhiger
Eindringlichkeit zu nähern. "Warum? Warum erlaubst du dir immer
so etwas?", will sie von mir wissen. Es herrscht auf einmal
Gesprächsbereitschaft. Daher fühlt sich die Situation für mich
auch nicht mehr so ernst an. Ich fühle mich, als könnte ich mir
erlauben, die Träne von ihrem linken Auge mit meinem Daumen sanft
wegzuwischen, obwohl sie sich noch gar nicht vollends geformt hat.
Die Haut fühlt sich sehr rau an. Ich weiß, dass diese Aktion
womöglich als sehr intim gilt, aber weil mir alles wieder ziemlich
irreal erscheint, denke ich nicht allzu sehr darüber nach, außerdem
wehrt sie sich nicht dagegen.
Ich gestehe, dass ich öfter hier bin,
dass ich ja auch den Schlüssel bekommen habe und dass ich es sehr
bereue, solche Sachen. Eine genaue Erklärung kann ich auch nicht
abliefern. Ich versuche nur, möglichst schnell wieder hier
rauszukommen, um das nicht wieder zu tun und, wenn möglich, ihr auch
nicht mehr zu begegnen. Aber eines wundert mich: Ich hatte immer
meine schwarze Fahrradtasche in ihrem Wohnzimmer vergessen. Hatte sie
das nicht bemerkt?
Während ich aus meinem Bett aufstehe
um zur Toilette zu gehen, überlege ich mir, dass ich sie das gerne
noch fragen würde, wenn ich wieder einschlafe.