Dienstag, 2. Juli 2013

Offene Enden

Da sitzt sie nun wieder, einige Tische entfernt, schräg versetzt und doch mit dem Gesicht ihm beinahe zugewandt. Er wartet, bis sich ihre Blicke kreuzen. Aber warum sollten sie das tun? Bei all den Menschen, die hier in der Mensa sitzen, ist es doch höchst unwahrscheinlich, dass sie gerade ihm ihre Aufmerksamkeit schenken will.
Warum sitzt sie auch gerade jetzt hier? Es hätte ein so schöner, unbeschwerter Tag werden können. Jetzt kann er aber an nichts anderes mehr denken, als dass sie hier, genau jetzt, ganz in der Nähe sitzt und ihn nicht bemerkt. Er ist beinahe wütend darüber, ohne eigentlich genau zu wissen worüber. Er schlingt ein Stück Broccoli hinunter, schaut kurz auf und ihre Blicke. kreuzen. sich.

Den Tag kann er nun endgültig vergessen. Sie wird sich nur merken, dass er da saß – sie hat ihn ja schließlich angeschaut – aber hat nichts unternommen. Ja, es ist rein g a r nichts passiert. Was wird sie also von diesem Moment behalten? Doch wohl nur, dass nichts zwischen den beiden passiert ist. Wenn sie doch nur gelächelt hätte, genickt hätte, oder sonst irgendein Zeichen von ihr da gewesen wäre, das nicht zementiert hätte, dass es mit den beiden immer weiter auseinander geht, obwohl es am Anfang noch so gut aussah. Aber jetzt ist die Interaktion schon vorüber, nichts ist passiert. Eine weitere Chance vertan, welche sich anfühlt, als wäre sie bereits die letzte gewesen. Er wird nicht darüber hinwegkommen.
Denn eines weiß er: Gedanken schwer wie Blei werden ihn an diesem und in den nächsten Tagen begleiten und sein Handeln lähmen.

Über eines weiß er aber nicht Bescheid, denn auch sie stellt sich nun Fragen:
Was bedeutet ihm wohl dieser Moment, in dem sich unsere Augen trafen? Was wird er denken, wenn er zu Hause ist? Womit wird er seine Zeit verbringen? Denn auch sie ist ganz und gar verzaubert…

- zwei Menschen, die im Stillen an nichts anderes denken können als an den jeweils anderen.

Und sie ist ganz und gar verrückt nach ihm, begehrt seine Niedergeschlagenheit, seinen Leichtsinn. Oh, wie wertvoll wäre nur jeder Augenblick mit ihm alleine! Sie könnte seine Demut nähren und ihn beim Zugrundegehen beobachten, dass es eine einzige Wohltat wäre. Gibt es denn andere Männer wie ihn? Wer könnte ihre tiefen Sehnsüchte denn besser befriedigen als er, der mit verlorenen Gedanken noch nie in der Lage war, über sich selbst zu reflektieren?

So intensiv hat sie es noch nie gefühlt. Es ist beinahe ein schmerzendes Gefühl in der Magengegend, hervorgerufen durch Ungewissheit. Sie wird heute nach Hause gehen und an nichts anderes denken können. Er soll es sein, und kein anderer. Nur er kann ihr Selbstvertrauen und ihre Macht ins Unermessliche steigern lassen, ins Glück. Aber sie war noch nie so gelähmt, den ersten Schritt zu machen…

Vielleicht wartet ja das Schicksal nur darauf, dass die beiden einfach einander gestehen, was sie füreinander empfinden. Aber bis das passiert, wird dieses Schicksal im Hintergrund weitere Zufälle zustande bringen, sich wundernd, warum die offenen Enden nicht einfach durch jene Menschen verbunden werden, von denen es unzählige gibt.