Samstag, 5. November 2011

Stumpfsinn

Wie alte Menschen nicht mehr ewig leben können, wie Beziehungen irgendwann einmal auseinanderbrechen, wie sich Bauteile mit der Zeit im Regen abnutzen, wie die Vögel Richtung Süden fliegen, wie wenn sich das Rad nicht mehr dreht, wie das Tosen tausender wild gewordener Fliegen, wie die drohende Unendlichkeit über allem, ebenso wie das Schauen in Richtung Gesteinshang, so habe ich, in diesem Moment – ich habe beschlossen, meinen Körper Stück für Stück selbst abzusäbeln.

Das Cutter-Messer aus dem Schieber schon in der Hand fange ich bei meiner Armbeuge an. So, wie man immer an irgendeiner Stelle anfangen muss. Ich zögere. Noch wehrt sich mein Körper gegen die Verstümmelung, meine Hand lässt sich nicht dazu bringen, das scharfe, harte Metall tiefer als bis in die oberste Hautschicht hineinzudrücken. Es scheint eine vorerst unüberwindliche Barriere zu sein, also suche ich den Anfang eben woanders.

Ich ziehe meine Socke aus. Der große Zeh soll nun zuerst dran sein. Dieser ohnehin unnütze, kleine Knuppel am linken Fuß sollte jetzt keine Probleme bereiten, dessen Entledigung für den Anfang kein allzu großer Verlust ist; zugleich wird er das Tor zu weiteren Abtrennungen sein, genau dieser Damm, der gebrochen sein will, sodass ich fortfahren kann, bis nichts mehr von mir übrig ist. Doch oh weh, sind das extreme Schmerzen! Diese irdischen Gefühle, an sich auch allzu körperlich, und doch nicht ignorierbar. Sie werden mich bei meinem Vorhaben begleiten und mich zurückhalten wollen, ohne aber davon erfahren zu haben, dass mein Vorhaben schon fest steht. Ich habe Entscheidungsfreiheit über meinen Körper und mein Vorhaben steht fest.

Der Zeh ist schon zur Hälfte ab, aber es will nicht recht weiter gehen. Ich vergegenwärtige mir, wie sinnlos es ist zu zögern. Mit wenigen ruckartigen Bewegungen habe ich mich deshalb bald meines ersten Körperteils selbst entledigt. Und jetzt muss ich mir auch vergegenwärtigen, wie unzweckmäßig es ist, eine Reihenfolge der Abtrennungen festzulegen. Die Zerstörung des eigenen Körpers erfordert kein Planen und kein Fingerspitzengefühl, es ist etwas, das einfach nur getan und durchgezogen werden muss, wenn es einmal angefangen wurde. Ich frage mich, ob andere Leute auch so große Probleme haben würden wie ich mit dieser Aufgabe, aber es wird kaum andere Leute geben, die sich so etwas antun würden, spätestens bei diesen unüberhörbaren Alarmglocken, die mich in höchster Dringlichkeit zum Aufhören zwingen wollen, wären sie ausgestiegen. Ich aber muss sie überhören und schneide weiter, ruhig und besonnen.

Ich merke kaum mehr, wie ich schneide, irgendwann sehe ich mich nur kurz an: Überall Schnitte und Blut, aber ich bin nicht weniger geworden. Ist das möglich? Kann es sein, dass ich nicht weiterkomme? Es muss klappen. Ich muss weitermachen, fokussierter.

Zum Teufel mit dieser Haut! Dieses äußerste Sinnesorgan, zuständig für das Berührungsempfinden und die Schmerzen, blockiert alles weitere, tiefer liegende. Es scheint unmöglich zu sein, sie noch weiter zu durchdringen, ohne durch die Hölle gehen zu müssen. Wenn es mir nur um die Schmerzen ginge, könnte ich wohl genauso weitermachen, was ich die ganze Zeit schon mache, an der Oberfläche kratzen. Aber was ich will, ist die bewusste Selbstzerstörung, zum Zwecke der Beseitigung dieser unerträglichen Langeweile.

Auf einmal habe ich eine Axt in der Hand. Die Wut überwältigt mich, ich schreie auf, und in einem Schwung ist das rechte Bein weg. Bevor ich darüber nachdenken kann, was ich soeben getan habe, schlage ich mir noch die linke Hand ab.

Die Axt lasse ich über meinen Bauch sinken und will zudrücken, nur schaffe ich es nicht. Die Klinge fährt nicht besonders tief in meinen Magen, aber dennoch tritt eine dickflüssige Masse aus, die über meinen ganzen auf dem Boden liegenden Körper läuft und in die Wunden hinein.

Meine Kraft ist am Ende, ich schaffe es nicht mehr die Axt zu heben.

Ich bin aber noch nicht fertig, sage ich mir. Ich stecke mittendrin, ich hab es erst halb beendet, habe es begonnen, aber kann es nicht abschließen; jetzt schießen mir die Gedanken in den Kopf, die ich gar nicht brauche: Sie fragen, warum ich das getan habe, wie mir so etwas überhaupt in den Sinn gekommen ist, sie erfordern von mir eine Antwort, aber ich habe keine. Nun liege ich da, halb verstümmelt und kann es nicht zu Ende bringen, was ich angefangen habe. Ich bringe nie zu Ende, was ich angefangen habe. Jetzt wird mir auch wieder klar, dass nicht mein Wille zuletzt gehen wird, nicht zuletzt gehen kann, weil er doch auch zu meinem Körper gehört, der jetzt vollkommen entstellt auf dem Teppich liegt. Das habe ich nicht bedacht, dass ich doch letztendlich mein Körper bin. Vielleicht hätte ich auch noch warten sollen; mir fällt nun ein, dass ich vielleicht doch noch einmal die schönen Seiten des Lebens hätte sehen können... manchmal braucht es doch nur eine Gelegenheit, und mag sie noch so schnell wieder verfliegen, die einem einfach nur zeigt, dass einem etwas Wertvolles widerfahren kann. Und wenn man einmal merkt, dass es möglich ist, sollte man auch nie ausschließen, dass es wieder passieren kann. Auch wenn es solche Momente bei mir in letzter Zeit nicht gab, kann ich mich in diesem Augenblick erinnern, dass sie oft in meinem Leben passierten. Wie konnte ich das nur vergessen! Es ist zu spät. Ich weiß nicht, was mit mir passieren soll. Meine Mutter steht jetzt im Türrahmen. All die schönen Momente, und sie erfordern meinen Körper. Ich weiß nicht, was mit mir passieren wird und schließe die Augen.

Donnerstag, 22. September 2011

Am Ende der gemeinsamen Stunden

Du fragst mich: Was bedeutet Freundschaft in unserem Leben?

Mein Blick wandert umher, von der Bank, auf der wir sitzen, zu dem grauen, bewölkten Himmel, der uns schon die ganzen letzten Monate begleitet, zu den Vögeln, die vorbeifliegen und auch zu den vielen Menschen in ihren Anzügen, die zielstrebig durch die Gegend laufen. Irgendwo in der Nähe hört man das Plätschern eines einfachen Springbrunnens. Es ist ein weitläufiger Platz, auf dem wir sitzen, so wie es hier eben etliche gibt, aber es passiert nichts. Nein, es ist keine schöne Stadt zum Leben, aber es gibt keine andere Wahl, und irgendwie kriegt man hier schon seine Zeit vorüber.

Ein neuer Lebensabschnitt. Noch steckst du mittendrin in deinem jetzigen, doch wenn du nur ein bisschen nach vorne blickst, dann siehst du unweigerlich, wie schon bald wieder alles auseinandergehen wird. Wieder von Neuem anfangen, fremde Leute kennenlernen, neues Vertrauen erwerben – ist dir das zu anstrengend?

Denkst du etwa, du könntest es dir gemütlich machen, nur weil du dich hier wohl zu fühlen beginnst? Nur weil du nach langer Suche endlich auch bei deinem neuen zu Hause Menschen gefunden hast, mit denen du schon viel erlebt hast und die du als Freunde bezeichnen kannst? Glaubst du allen Ernstes, dass das neue Heimatgefühl ein Grund dafür ist, sich darin auszuruhen?

Sieh doch nur, wie vorläufig alles ist! Alles wird sich verlaufen, all die gemeinsamen Stunden, die ach so einzigartig waren, sie werden schon sehr bald nicht mehr möglich sein und du wirst dich wieder nach neuen Bekanntschaften umsehen müssen! Dann wirst du wieder bei Null anfangen und versuchen, alles neu aufzubauen. Gewiss wird es bei jedem Neuanfang immer schwerer werden, da auch du immer älter wirst und dann werden wir ja sehen, ob du immer noch deine Zeit damit verschwenden willst, in deiner Langsamkeit Kontakte zu knüpfen!

Und überhaupt: Wie abhängig bist du nur von der Anerkennung anderer, von jenen Menschen, die dir viel bedeuten! Aber siehst du denn nicht, dass auch sie immer älter werden? Jene, die immer für dich da waren; du glaubst ihnen mit allem was du tust etwas beweisen zu müssen, aber wenn sie bald nicht mehr da sind – was unweigerlich passieren wird – wofür wirst du dich dann überhaupt noch anstrengen? Was du aus deinem Leben machst, wem willst du es denn am Ende zeigen? Vergiss doch endlich das scheinbar Selbstverständliche, vergiss deine Kindheitserinnerungen, vergiss die Vergangenheit, schon bald bist auch du ein alter Mann und es ist keiner mehr da, mit dem du aufgewachsen bist, der dich wirklich kennt.

Ich sehe es in deinem Blick. Glaub ja nicht, dass du Trost finden wirst, indem du dir einredest, dass du irgendwann doch noch zurückkehren kannst.

Ein kleines bisschen finde ich es schon rührend von dir, welche Ziele du dir setzt, aber letztendlich bin ich doch verständnislos, wie du dich selber damit zerstörst. Du musst sehen: Egal, wie sich die Dinge zu entwickeln scheinen, am Ende bleibst du allein. Alles verändert sich.