Sonntag, 15. August 2010

Teile von uns

Wenn ich über die kleinsten Bestandteile der Welt nachdenke, fallen mir dazu spontan drei Möglichkeiten ein.

Zum einen könnte man vielleicht auf eine einfache mathematische Tatsache stoßen, aus der weitere logische mathematische Zusammenhänge erwachsen und sich eine immer länger werdende Kette aus logischen Schlussfolgerungen bildet, bis schließlich ein kleines Teilchen entsteht, das aufgrund der Regeln der Mathematik so existieren muss und keine andere Wahl hat. Und dieses kleine Etwas ist wiederum Grundlage für größere Bestandteile unserer Welt. In diesem Sinne wäre alles, was wir wahrnehmen und was zu existieren scheint, eine einzige riesige mathematische Rechnung, die deshalb da ist, weil sie die einzig logische ist.

Andererseits könnte dieses kleine Teilchen auch nur subjektiv existieren und veränderbar sein. Womöglich existiert unsere Welt nur auf diese Weise, weil der winzigste Bestandteil auf eine bestimmte Art definiert wurde und auf diesem grundlegendsten Zustand alle größeren Erscheinungen aufbauen. Sollte es einem Lebewesen möglich sein, den Zustand zu ändern, könnte es demnach vielleicht passieren, dass vollkommen andere, mit unserem jetzigen Verständnis der Physik unvereinbare Naturgesetze zum Tragen kommen, die womöglich nicht einmal irgendeine Form von Leben zulassen.

Oder aber es gibt gar keinen unteilbaren Bestandteil unserer Welt: Wenn man immer tiefer in die kleinste Materie forscht, entdeckt man irgendwann, dass es in der Tat gleichzeitig die größten kosmologischen Erscheinungen sind, die man mit der mikroskopischen Welt verwechselt. Denn vielleicht gleicht alles, was existiert, einem geschlossenen Kreis, der das Größte mit dem Kleinsten verknüpft. Makroskopische Erscheinungen aus dem Weltraum wären somit sehr eng mit den Teilen eines Atoms verbunden, und ab einem gewissen Punkt entspricht das eine dem anderen. Wäre das wahr, existierten wir unendliche Male, immer in der nächstgrößeren Welt und der nächstkleineren.

Wenn ich nachts draußen liege und in den klaren Sternenhimmel sehe, glaube ich an die letzte Möglichkeit.

Sonntag, 31. Januar 2010

Nichts geschehen

Komplett abgeschnitten von der Außenwelt, keinen Kontakt zu Mitmenschen, auch nicht zu denen, die im Moment vor einem sitzen. Einfach nur dasitzen und hoffen, dass es bald vorbei ist.

Der beste Freund lebt hier nun seit Jahren und man hat sich nichts mehr zu sagen. Zuviel wäre es jetzt auch einzuschätzen, ob man überhaupt noch befreundet ist, aber zwei Tage in der Woche verbringt man Zeit zusammen auf engstem Raum. Und hat sich nichts zu sagen.

Der Tag vergeht ohne erinnerungswürdige Ereignisse, doch sucht man auch nicht aktiv nach neuen Erfahrungen, die der Erinnerung würdig wären. Das Ausruhen scheint wichtiger zu sein, wobei nicht genau gesagt werden kann, wovon man sich denn ausruhen müsste, weil im Grunde nichts passiert; und so summieren sich die Tage zu Wochen, und die Wochen werden zu Monaten.

Nun wendet sich der Freund her und fängt an zu erzählen. Eigentlich ist er doch bekannt, zusammen ist man aufgewachsen und hatte gemeinsam schöne Stunden verbracht. Eine eigene Fantasiewelt wurde erschaffen. Bruchteile davon blieben bis heute erhalten. Man sprach wie in einer Geheimsprache, keiner sonst wird sie je verstehen können, aber das ist in Ordnung. Die eigene Freude an der Sache war das Wichtigste, auch wenn zu dieser Zeit die älteren Leute meinten, man würde nur rumspinnen. Man sollte sich ja eigentlich mit vernünftigen Dingen beschäftigen. Doch gegenüber dem besten Freund brauchte man sich nicht verstellen. Das gemeinsame Aufwachsen gründete nicht auf Freiwilligkeit. Vielleicht ist auch dadurch erst die Freundschaft entstanden. Vermutlich lag es an dem Zwang, so viel Zeit gemeinsam verbringen zu müssen, dass die Notwendigkeit entstand, sich zu verstehen. Wie dem auch sei, eine wunderbar intime Fantasiewelt wurde erschaffen, von der heute nur noch klägliche Bruchteile geblieben sind.

Aber nun fängt er an zu erzählen und es fühlt sich an, als ob eine Welt zusammenbräche. Er erzählt nebenbei von seinen Beziehungen und Freundinnen, die er über die letzten Jahre gehabt hat. Nie wäre der Gedanke gekommen, die erste echte Liebesbeziehung des besten Freundes wäre einem entgangen, wenn man doch so viel Zeit verbracht hat und jetzt erfährt man von mehreren. Man will nicht die Lebensumstände des anderen kontrollieren, nur hätte man den beiden Frischverliebten wenigstens alles Gute gewünscht. Und dann das tiefe Loch, in das er vor ein paar Jahren gefallen ist und von dem er nun – nach Jahren! – erzählt; mit einer Beziehung sei er in eine tiefe Krise gefallen, Verlobung, Schwangerschaft, doch dann Totgeburt, schwere Krankheit, Selbstmordversuch, Bruch der für die Ewigkeit bestimmte Beziehung zwischen beiden. Über all das redet er verhältnismäßig offen. Seinerzeit hat man nichts mitbekommen, er hat sich nicht des Mitleids Willen so schlecht dargestellt wie es ihm ging; doch hat er seinerzeit auch auf für seine Verhältnisse offene Weise mit den Bezugspersonen darüber geredet. Es schien, dass das Schweigsame schon immer manchen Personen innewohnend ist, ohne dass etwas Schlimmes vorgefallen wäre, ohne bestimmten Grund. Allerdings wäre dieser Charakterzug auch zu verkraften, solange man ihn mit einer Person teilen kann, die auch schon immer so ist. Doch wie sich nun herausstellt, war ein besonderer Grund vorhanden, der diesen Charakterzug beim besten Freund entschuldigt.

Sie dürfen nicht erfahren, dass nichts gewesen ist. Es ist absolut nichts geschehen, dass ich nun so bin. Sie dürfen es um Gottes Willen nicht erfahren.