Dienstag, 9. Juni 2009

Der Egozentriker

Manchmal, wenn einen die Füße einfach tragen und man geistig nicht präsent ist, hat es den Anschein, die Zeit bliebe stehen. Doch wie wir wissen, vermag der Geist die Wirklichkeit nicht in solch einem Maße zu beeinflussen, selbst wenn er häufig sehr viel mächtiger erscheint als diese. Ein ähnliches Gefühl hatte auch er, als er schnell den anderen hinterherlief, ohne aufzublicken. Er war in Gedanken versunken und hätte, ginge es nach ihm, ewig so weiterlaufen können, doch die Gruppe von Leuten war angekommen und zwang seine Beine zum Anhalten. Er nahm ein paar Merkmale seiner Umgebung wahr, die nun nicht mehr an ihm vorbeizog: Bäume und Sträucher umgaben die Gruppe, vor ihr eine niedrige Öffnung in etwas das aussah wie eine Höhle-

Heute war sie im Begriff, etwas Ungeheuerliches zu tun. Zumindest erschien es ihm ungeheuerlich, er, der sich nicht zu jenen Menschen zählen konnte und trotzdem hinterher trottete, stets in einem gewissen Abstand, weil er sich zu den Leuten hingezogen fühlte, bei ihnen Schutz suchte, aber gleichzeitig nichts zu bieten hatte. Das ständig vorhandene, unangenehme Gefühl in seiner Brust wurde mit fortschreitender Zeit stärker.

Die Zugehörigen der Gruppe hingegen waren allesamt ausgelassener Stimmung. Genau genommen waren sie das die ganze Zeit, aber anscheinend war nun ein Höhepunkt erreicht: Keiner konnte sie jetzt stören (jeder Versuch von ihm, das zu tun und damit ein wenig Aufmerksamkeit zu erhalten wäre sinnlos gewesen), sie hatten sich eben gefunden, jeder gehörte dem anderen, keiner wurde vernachlässigt. Da er kein einziges Wort ihrer lebhaften Gespräche verstehen konnte, sah er dies als Bestätigung an, dass jene Gespräche nicht für fremde Ohren bestimmt waren.

Er wartete und wusste nichts anderes zu tun als versuchen zu beobachten.

Dann sprangen sie plötzlich einfach hinein. Zunächst war da ein langhaariger junger Mann, den er schon seit vielen Jahren zu kennen glaubte, der jedoch kein Wort des Abschieds ihm gegenüber äußerte. Ebenso eine junge, sehr hübsche Frau, die er zwar noch nicht so lange kannte, aber eine durchaus stärkere Bindung zu ihr spürte - überhaupt schien niemand traurig oder besorgt zu sein oder gar den Anschein erwecken zu wollen, es handele sich um einen Abschied: Durch ihre Bewegungen, ihre Art zu reden, ihr Verhalten untereinander und schließlich durch ihre allzu positive Einstellung verkörperten sie Leichtigkeit, so als wäre bei all dem nichts dabei; und doch verwandelten sie mit dieser Aktion das Letzte, das er bis dahin in seinem Dasein ernst nehmen konnte - den Selbstmord als ein grundehrlicher Ausdruck reiner Verzweiflung – in eine Lächerlichkeit, nein schlimmer noch: in eine Selbstverständlichkeit.

Dies alles passierte zu einem Zeitpunkt größtmöglicher Geselligkeit: Die Entscheidung, gemeinsam in den Tod zu gehen, schweißte jene Gruppe von Menschen endgültig zusammen. Durch nichts auf dieser Welt konnte man sie nun noch trennen, schließlich hatte das Leben auf sie keine Wirkung mehr, dessen ständiger Wechsel sie je wieder hätte auseinander bringen können. Ein Bild für die Ewigkeit war gefunden, darin waren sich alle Beteiligten einig, und es bestanden so wenig Zweifel an der Richtigkeit dieses Moments, dass es jeder Einzelne in Kauf nahm, seine Existenz und damit jede Empfindung aufzugeben. Ja, tatsächlich hatten sie gar keinen Vorteil dadurch. Ja, eigentlich verfolgten sie kein Ziel. Es war eine Gemeinschaftsaktion, wie sie spontaner nicht hätte sein können. So kamen sie wie durch Zufall dem Weltuntergang zuvor.

Und dann stand da noch er, mit einem bemerkenswerten Abstand zum Geschehen, wie es schon die ganze Zeit der Fall war. Er gehörte noch immer nicht dazu. Doch er hatte, im Rahmen seiner Möglichkeiten, vorher geplant, einmal dabei zu sein. Er hatte sich ein Ziel gesetzt. Aber jetzt schossen ihm Bilder von ihnen aus vergangenen Zeiten in den Kopf und er sagte sich: Die anderen sind für immer verschwunden, sie können mir ab jetzt nichts mehr antun, und trotzdem haben sie mir noch zuvor das Allerwichtigste genommen: Die Möglichkeit eines Auswegs.

Unkonzentriert und mit sich verdüsternden Gedanken stand er vor dem Abgrund. Nichts hätte er sich jetzt sehnlicher gewünscht, als sich fallen zu lassen und nie mehr wiederzukehren! Die anderen waren ihm nun egal, so wie ihm alles egal sein würde, wenn er erst den bedeutenden Schritt nach vorn täte. Um sich in seiner Ansicht zu stärken und einen Entschluss herbeizuführen, redete er sich ein, dass er bisher offenbar noch nie etwas gewagt hatte. Eine bleibende Änderung, ein wesentlicher Schnitt im Leben – wann, wenn nicht jetzt?

Mit einem Kopf voll von Zweifeln machte er kehrt und setzte sein bisheriges Dasein fort. Es ist nicht einfach, ständig anders zu sein. Aber irgendwie geht es auch nicht anders.